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1954               23. 12 in Balingen geboren
                       Kindheit und Schule in Ebingen (seit 1975 Albstadt)
1974               Abitur am Gymnasium Ebingen
1974-1976     Zivildienst, anschließend Werkstatterzieher ohne Ausbildung in einer WfB
1976-1983      Studium der Germanistik, Slavistik, Musikwissenschaft, Allgemeinen und
                       Vergleichenden Literaturwissenschaft an den Universitäten Regensburg,
                       Tübingen, Wien, Bamberg und Mainz
1982-1984      Betreuung der Musikhistorischen Sammlung Jehle im Stauffenberg-Schloß
                       Lautlingen (für Infos klicken Sie hier)
1982-1993      Aufbau und Betreuung des Hildesheimer-Archivs. Das Archiv des 1991
                       gestorbenen Schriftstellers und bildenden Künstlers Wolfgang Hildesheimer 
                       befindet sich seit 1993 in der Akademie der Künste Berlin (für Infos klicken
                       Sie hier)
1983               M.A. in Mainz bei Wulf Segebrecht
                       Hochzeit mit Andrea Eppler, Trauzeugen Silvia und Wolfgang Hildesheimer
                       Geburt des Sohnes Martin
1984-1991      Zahlreiche Hildesheimer-Editionen
1990               Promotion in Tübingen bei Walter Jens, summa cum laude
1993-1997      Freier Mitarbeiter der Stuttgarter Zeitung
1995               Umzug mit der Familie nach Geislingen bei Balingen
1996-1999      Kurse Literarische Neuerscheinungen im Kräuterkasten Ebingen
1998 ff.           Arbeit an Das lichtlose Tier, der Krieg. Der Roman meiner Mutter
2002               28. August bis 26. September: Dreharbeiten von Komm, wir träumen
2004               29. Oktober: Premiere von Komm, wir träumen auf den 38. Internationalen
                       Hofer Filmtagen
2004-2005      Im Auftrag eines Freundes: Verkauf einer Bücher-Sammlung ab dem 17.
                       Jahrhundert, ab dem 19. Jahrhundert nahezu ausschließlich (meist
                       illustrierte) Kinder- und Jugendbücher
2005               Erste Endfassung von Das lichtlose Tier, der Krieg. Der Roman meiner
                       Mutter

                       Übernahme der Herausgabe von Wolfgang Hildesheimers Briefen an die
                       Eltern (1937-1962) für Suhrkamp, Arbeitstitel: Die sichtbare Wirklichkeit 
                       bedeutet mir nichts

                       26. Oktober: Offizieller Kinostart von Komm, wir träumen im Rio-Filmpalast
                       München
2006               Touren mit Komm, wir träumen
                       Forschungsarbeit für Hildesheimers Briefe an die Eltern, parallel Arbeit an
                       einer korrigierten und erweiterten Hildesheimer-Bibliographie
                       Mai: die unveränderte Neuauflage Ulrike erscheint
                       Sommer: Fertigstellung des schmalen Roman-Manuskripts Friederike
                       16. November: Komm, wir träumen gewinnt als bester Spielfilm den Golden 
                       Artist auf dem 1. internationalen HD-Festival in München
                       Mitarbeit an der DVD von Komm, wir träumen
2007               Touren mit Komm, wir träumen
                       Mitarbeit an Patricia Stanleys amerikanischer Übersetzung von Ulrike
                       Juni: DVD von Komm, wir träumen erschienen
                       August: Beginn der literarischen Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Chris
                       Burgmann
2008               Mai: das Buch von Hanna Jehle: Gedichte. Gesammelt und kommentiert
                       von
Volker Jehle erscheint, Seitenpfad von Das lichtlose Tier, der Krieg
                       August: Beginn der Erstellung eines digitalen Bestandsverzeichnisses der
                       Musikhistorischen Sammlung Jehle
                       November: Come, let's dream!, Patricia Stanleys Übersetzung von Ulrike
                       erscheint
                       Ende November: Burgmann & Jehle: Der Geschichtenerzähler erscheint
2009               Juli: Highly Commended Award in the ILAE (International League Against 
                       Epilepsy) Centenary Film Competition
                       November: vorläufiger Abschluß der Arbeit an der Edition von Wolfgang
                       Hildesheimers Briefen an seine Eltern
2010               Dezember: erster Abschluß der Arbeit am Bestandsverzeichnis der
                       Musikhistorischen Sammlung Jehle: die interne Fassung (mit Register knapp
                       2250 Seiten)
2011               Palmsonntag: Buchpräsentation von Hanna Jehle: Mit den Augen des
                       Herzens
                      
10. Oktober: Buchpräsentation von Volker Jehle: Reisen
2012               März: offizieller Beginn als wissenschaftlicher Betreuer der Musikhisto-
                       rischen Sammlung Jehle im Stauffenberg-Schloß Albstadt-Lautlingen
                       (Ursula Eppler, rund dreißig Jahre Kustodin der Sammlung, übernimmt 
                       nach wie vor Führungen und Pädagogik)
2013               Juni: erstmals öffentlich: Volker Jehles Bestandsverzeichnis der 
                       Musikhistorischen Sammlung Jehle – über 2500 Seiten
                       Oktober: Volker Jehles drittes Buch mit Texten von Hanna Jehle erscheint:
                       Mitten im Alltag
                       November: die zweite, korrigierte und ergänzte Auflage des Gesamt-
                       verzeichnisses ist online: nun knapp 2900 Seiten
                       7. Dezember 2013, Stauffenberg-Schloß Albstadt-Lautlingen: Eröffnung von 
                       Ursula Epplers und Volker Jehles Ausstellung Liederbücher ab 1800 aus
                       Beständen der Musikhistorischen Sammlung Jehle (die Ausstellung dauert 
                       bis April 2014)
2014               26. Januar: Präsentation von Mitten im Alltag im Festsaal des Stauffenberg-
                       Schlosses Albstadt-Lautlingen
                       Juli: die dritte, korrigierte und ergänzte Auflage des Gesamt-
                       verzeichnisses ist online: nun knapp 3100 Seiten
                       Oktober: die zweite, ergänzte Auflage von Hanna Jehles Buch Gedichte
                      
erscheint
2015               Januar: Übernahme der Inventarisierung der Stauffenberg-Gedenkstätte
                       im Stauffenberg-Schloß Albstadt-Lautlingen
                       Mai: die vierte, korrigierte und ergänzte Auflage des Gesamt-
                       verzeichnisses ist online: nun knapp 3300 Seiten
                       Oktober: das amerikanische Reisen erscheint: A Travel Journal, übersetzt
                       von Patricia Stanley
                       November: Fertigstellung der internen Fassung von Stauffenberg-
                       Gedenkstätte. Stauffenberg-Schloss Albstadt-Lautlingen. Bestands-
                      
verzeichnis von Volker Jehle
2016               Oktober: Wolfgang Hildesheimer: "Die sichtbare Wirklichkeit bedeutet mir
                       nichts"
erscheint
2017               Februar: Übernahme der Betreuung der Websites der Musikhistorischen
                       Sammlung Jehle und der Stauffenberg-Gedenkstätte im Stauffenberg-
                       Schloss Albstadt-Lautlingen innerhalb des Portals Museum.de
                       5. November: Festrede anläßlich von 40 Jahre Musikhistorische Sammlung
                       Jehle im Stauffeberg-Schloss
, zugfleich Eröffnung der Sonderausstellung
                       Geschichte der Musikhistorische Sammlung Jehle
                       25. November, Bergcafé Wedel: Lesung im Rahmend er Albstädter Literatur-
                       tage 2017
                       Beginn der Vorbereitung einer Edition von Wolfgang Hildesheimers Briefen
                       an Volker Jehle (Umfang ungefähr wie die Briefe an die Eltern)
2018               4. und 18 Februar, Alte Synagoge Hechingen, "5 nach 4": zweiteiliger
                       Vortrag über Wolfgang Hildesheimer anhand von Volker Jehles Edition von
                       Hildesheimers Briefen an seine Eltern ("Die sichtbare Wirklichkeit bedeutet
                       mir nichts")
                       Arbeit an der 6. Auflage des Bestandsverzeichnisses der Musikhistorischen
                       Sammlung Jehle
2019               Januar: die sechste, umgearbeitete und ergänzte Auflage des Bestands-
                       verzeichnisses der Musikhistorische Sammlung Jehle abgeschlossen,
                       erstmals über 4000 Seiten; online ab Anfang Februar
                       7. Dezember: Eröffnung der Sonderausstellung Musikschulen ab dem
                       18. Jahrhundert in der Musikhistorischen Sammlung Jehle



Förderkreis deutscher Schriftsteller 1986 und 1989
Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg 1991 für Ulrike (für Infos klicken Sie hier)
Nominierung zum 1. Baden-Württembergischen Drehbuchpreis 1999 (seit 2008: Thomas
     Strittmatter Drehbuchpreis) für das Drehbuch Ulrike
Golden Artist für Komm, wir träumen als bester Spielfilm auf dem 1. HD Festival München,
     16. 11. 2006
Highly Commended Award in the ILAE (International League Against Epilepsy) Centenary
     Film Competition 2009 für Komm, wir träumen
Mitglied des VS Baden-Württemberg; zum Verzeichnis Baden-Württembergischer Autoren
     gelangen Sie hier




Für die Musikhistorische Sammlung Jehle auf dem Flohmarkt gefunden: Meersburger Liederbuch. Eine Auswahl von Liedern und Gesängen für gesellige Kreise. Unter musikalischer Redaktion von H. Hönig, Musiklehrer am Lehrerseminar Meersburg. Überlingen, Druck und Verlag von Aug. Feyel, erschienen (wie der OPAC Südwest ausweist) "ca. 1891"; sonst wird das schmale Buch nirgends verzeichnet oder gar angeboten.
     Von Heinrich Hönig weist Hofmeister ab 1877 einige Kompositionen nach: Stücke für Orgel, Harmonium, Violine mit Klavier, vor allem Kompositionen für Männerchor: natürlich Lieder, aber auch eine Deutsche Messe (für Männerchor!). Als Musiklehrer hat Hönig oberhalb der Reblage „Rieschen“ über dem Meersburger Schloß in dem Gebäude gearbeitet, in dem sich heute das Droste-Hülshoff-Gymnasium befindet; erste Belegung des Gebäudes (1735-1825): ein Priesterseminar; zweite Belegung (1825-1925): das genannte Lehrerseminar, übrigens ein katholisches.
     Wie üblich sind in dem Büchlein auch Kompositionen des Herausgebers abgedruckt, diesmal nur zwei, Hönig war also bescheiden. Am interessantesten aber sind, wie meist, die handschriftlichen Einträge, die im vorliegenden Buch, wie der Besitzvermerk von alter Hand mit Tinte auf dem Vorsatz ausweist, von einem L. Grüner stammen, evtl. ein Seminarist.
Am Schluß sind, wie bei Liederbüchern oft, leere Notenblätter eingebunden. Die darauf geschriebenen Lieder kennt man, das Heideröslein natürlich, das Kartoffellied, selbst den Abendchor aus Conradin Kreutzers Oper Das Nachtlager von Granada. Doch eines dieser Lieder kennt man nicht, nicht den zweistimmigen Satz, nicht den Text, und man findet auch nirgends etwas darüber. Setze ich die drei Strophen also hierher:


                                                 Weihnachtslied

                                                 Leise zittern durch die Luft
                                                 süße Harfenklänge,
                                                 zittern über Berg und Kluft
                                                 holder (!) Engelsänge. <evtl.: holder Engel Sänge>
                                                 Schlummre Kind in sanfter Ruh,
                                                 schlummre bis zum Morgen,
                                                 deine Mutter deckt dich zu,
                                                 bannt noch die Sorgen.
                                                 Schlummre süß, schlummre sanft.

                                                 Leise naht der Hirten Schar,
                                                 betend dort sie knieen,
                                                 da uns Kind so wunderbar
                                                 Himmelsklänge ziehen.
                                                 Schlummre ...

                                                 Leise, leise nah'n auch wir
                                                 mit des Herzens Gabe,
                                                 singen uns're Lieder dir
                                                 holder Gottesknabe.
                                                 Schlummre ...


Vielleicht von Hönig komponiert, womöglich auch gedichtet, und für die Seminaristen an die Tafel geschrieben?
     Wer zu diesem Lied Angaben machen kann, melde sich bitte unter Kontakt.




Am 12. März 1952 schrieb Wolfgang Hildesheimer seinen Eltern zu einer Passage einer offenbar den Eltern geschickten Entstehungsstufe des Romans Paradies der falschen Vögel, die Meditation über die Liebe bräuchte er nicht an so vielen klassischen Beispielen erläutern, er werde diesen Gedanken in eigene Formulierungen kleiden, zudem habe er bei Bettine von Arnim eine ähnliche Stelle über das Spiel des Zufalls in Romeo und Julia entdeckt. 
     Der Roman erschien 1953 bei Desch, ohne den Hinweis auf Bettine von Arnim. Frühe Textfassungen von Paradies der falschen Vögel sind (bis auf ein paar Vorabdrucke und Rundfunksendungen) nicht erhalten geblieben, was die Suche nach der entsprechenden Text- oder Briefstelle bei Bettine von Arnim natürlich erschwert.
     Trotzdem: kennt jemand eine in Frage kommende Textstelle bei Bettine von Arnim?




Das Neue Liederbuch für deutsche Mädchen (Mügeln, Verlag von H. Kunde) ist frühestens 1844 erschienen und läßt sich online weltweit nirgends nachweisen. Das darin enthaltene Gedicht Nummer 46 ist das einzige, dass sich ebenfalls online weltweit nirgends nachweisen läßt. Deshalb wird es hier ins Netz gestellt – vielleicht kann ja jemand Angaben dazu machen:

                                  Gute Nacht, mein Herzenslieb!
                                  Ist der Himmel auch so trüb‘,
                                  Daß mein Aug‘ kein Sternlein schaut,
                                  Strahlt Dein Blick mir doch so traut,
                                  Mädchen in der Unschuld Pracht
                                         Gute Nacht!

                                  Schlafe wohl mein Tausendschön,
                                  Rauhe Winde schaurig weh’n;
                                  Aber linder Frühlingstag
                                  Kündet Deines Herzens Schlag.
                                  Mädchen, holder Anmuth voll,
                                         Schlafe wohl!

                                  Schlumm’re süß, mein Engelskind,
                                  Regen schwer aus Wolken rinnt,
                                  Doch Dein Liebeshimmel beut
                                  Frieden mir und Seligkeit!
                                  Mädchen, Du mein Paradies,
                                         Schlumm’re süß!





Peter Jehle, letzter Chef des Musikhaus Jehle, Konzertveranstalter (er holte Udo Jürgens, Reinhard Mey, Otto Waalkes etc. nach Albstadt), Sänger in Martin Friedrich Jehles Chor der Friedenskirche, Sänger auch in Brigitte Wendebergs Kammerchor, Leiter der Gitarrengruppe des Albvereins Ebingen, Gitarrist und Liedermacher. Peter ist am 27. Juli 1999 gestorben. Am 1. August 2018 wäre er 70 Jahre alt geworden.     Als Gitarrist interpretierte er vor allem Degenhardt, zur Auflockerung Insterburg & Co. und andere eher leichte Lieder, aber er dichtete und komponierte auch selbst. Als er in den 1960er Jahren ein Tonband mit seinen Liedern an eine Plattenfirma schickte, antwortete man, er sei so gut wie Reinhard Mey, aber den habe man ja schon.
     Ton aufzunehmen war damals noch nicht so einfach; zum Glück hatte ich – der sechs Jahre jüngere Bruder – ein                                      Peter Jehle in Dänemark 1967                        Spulentonbandgerät mit einer einzitgen Spule, auf der allerhand Zeug landete, dabei auch Peter an der Gitarre.Wenig später, als dann jeder einen Cassettenrecorder besaß, habe ich für Peter zwei MCs überspielt: eine Serie Peter allein und der Mitschnitt eines Konzerts, das Peter und sein Freund Rothe im Ebinger Jugendclub Forum 69 gaben. Diese beiden Cassetten sind von Peter beschriftet worden und kamen nach seinem Tod (27. 7. 1999) zu mir zurück.   Vor einigen Wochen habe ich die Cassetten digitalisieren lassen. Hier also nun ein Liebeslied, gedichtet und komponiert von Peter Jehle, entstanden wahrscheinlich im Oktober 1967 oder nicht lange danach, weil er, damals 19 Jahre alt, wegen der Liebelei mit dem Hausmädchen von den Eltern zum 1. Oktober 1967 zur weiteren Ausbildung als Musikkalienhändler nach Konstanz ins dortige Musikhaus Jehle geschickt wurde, geführt von Johanna Jehle, einer Schwester unseres Vaters, er kam also, meinte man, unter Tante Hannes Obhut. Aber wozu hatte er seine Bude in der Bruderturmgasse.
                                                        Wenn ich daran denke,
                                                        was du mir geschenkt,
                                                        wenn ich daran denke,
                                                        wohin du mich gelenkt,
                                                        weine ich vor Freude
                                                        und vor so viel Glück.
                                                        Du bist mein Leben,
                                                        ich habe dich lieb.

                                                        Bin ich in der Ferne,
                                                        wo ich dich nicht mehr seh,
                                                        bin ich sehr traurig,
                                                        die Trennung tut so weh.
                                                        Doch wenn du dann schreibst mir:
                                                        Ich habe dich lieb,
                                                        weine ich vor Freude
                                                        und vor so viel Glück.

                                                        War es denn nicht Liebe,
                                                        die uns so schnell verband?
                                                        Laß sie nicht verwehen
                                                        wie an dem Strand den Sand,
                                                        laß mich einfach träumen
                                                        von unserm großen Glück:
                                                        Du bist mein Leben,
                                                        ich habe dich lieb.     
 

Wenn ich daran denke.mp3


   



Weil nur Raser und Drängler bestraft werden. Dabei sind Schlafer und Bremser gefährlicher. Vor allem meinen sie, sie hätten recht - geplanter Essay



Nächster Essay:

- Die PCler leben in ihrer virtuellen Welt und verlieren den Kontalkt zur realen Welt, vor allem zur Natur
- Die Handy-Generation hört nichts mehr anderem zu und verliert die Aufmerksamkeit für alles andere
- Die Navy-User finden ohne Navy nichts mehr, sie verlieren den Überblick
- Die Keine-Altdeutsche-Schrift-Könner verlieren die Vergangenheit
- Fahrerlose Autos, Einkaufszettel schreibende Kühlschränke - Verantwortung, Selbstbestimmung und Souveränität schwinden

Wenn dann endlich  a l l e  soweit sind, wer progammiert dann die Maschinen? Die Maschinen?



So ein Liederbuch gibt's tatsächlich, u. a. in der Musikhistorischen Sammlung Jehle, darin steht ganz ernsthaft „Ich schnitt es gern in alle Schinken ein ...“

- Warum ist denn nur mein Schwein so schön ... (könnte auch auf einen Bauernhof passen)
- Die Schlacht am Schwein (könnte eher nicht auf einen Bauernhof passen)



An dieser Stelle wird immer wieder ein aktueller Text veröffentlicht. Diemal Volker Jehles Festrede anläßlichder Eröffnung der Sonderausstellung Musikschulen ab dem 18. Jahrhundert in der Musikhistorischen Sammlung Jehle im Stauffenberg-Schloss, Albstaft-Lautlingen, 7. Dezember 2019 



Sehr geehrte Damen und Herren,

das „Meine“ vor den „sehr geehrten“ lasse ich nicht zufällig weg. Das Wort „mein“ ist ein Possesivpronomen, und wollte ich tatsächlich Besitzansprüche anmelden, würden Sie ge­wiß protestieren. Aber ehe ich Sie mit sprachlichen Diffizilitäten langweile – dabei ist derlei für einen Schriftsteller alles andere als langweilig, das Gendern zum Beispiel. Vor einigen Wochen hat mir ein Herr aus Brüssel, der sonst Aufsätze zu musikalischen Themen schickt, einen Aufsatz mit ganz anderer Thematik zukommen lassen: seine Reaktion auf die Vorschrift des Hannoveraner Bürgermeisters an die städtischen Angestellten, ab sofort in Formularen und Anschreiben zu gendern. Nicht einmal der Duden ist normativ. Hasso Prahl – der Herr aus Brüssel – beweist mit Beispielen ab dem Indogermanischen, daß der grammatikalische Begriff „Genus“ mit Geschlecht nichts zu tun hat, daß also beispiels­weise „Bürger“ keinen männlichen Menschen bezeichnet. Wer das Wort „Bürgerinnen“ einfordert, den hat sein Sprachempfinden jedenfalls nicht zur Erkenntnis gebracht, daß er bzw. sie auf falschem Fundament aufbaut. Stattdessen wird fröhlich weitergebaut. An der Uni Hildesheim, las man neulich in der Tageszeitung, gibt‘s einen „Männlichkeitsforscher“. Da erinnere ich nicht ungern an Adornos Satz, es gebe kein richtiges Leben im falschen.
     Doch zum Thema. Mit der Sonderausstellung „Musikschulen ab dem 18. Jahrhundert“ setzen wir die Reihe fort, die wir 2013 mit „Liederbücher ab 1800“ begonnen haben: alle zwei Jahre am Samstag vor dem 2. Advent, inzwischen ein festes Ritual: offizielle Begrü­ßung – Dank an Susanne Goebel! –, meine Rede, Führung von Ursula Eppler durch die Ausstellung, Imbiß, musikalische Umrahmung, diesmal passenderweise von Schülern der Musik- und Kunstschule Albstadt, bei denen wir uns herzlich bedanken.
     Über Musikpädagogik könnte man stundenlang reden und seine Zuhörer – außer ein paar Spezialisten – herzlich langweilen. Aber Sie haben Glück: dazu fehlt mir die Kompe­tenz, ich rede über anderes. Natürlich kann nicht ausbleiben, daß ich etwas erzähle, was ich schon einmal erzählt habe. Wer also etwas schon gehört hat, möge bitte weghören. – Spre­che ich zunächst über die berühmte Trias der Musikschulen des 18. Jahrhunderts – Quantz, Philipp Emanuel Bach und Leopold Mozart.
     Johann Joachim Quantz wurde 1697 als fünftes Kind eines Hufschmids in einem Dorf bei Göttingen geboren. Bekannt ist er heute vor allem als Flötenlehrer Friedrichs II., des Großen oder des Alten Fritz. Bis er das geworden war, hatte er einen langen, erstaunlich europäischen Weg zurück gelegt.
     Als seine Eltern 1702 und 1707 starben, war er 5 resp. 10 Jahre alt. Er kam zu seinem Onkel nach Merseburg, der Onkel war Stadtmusikus, starb aber bald. Weiter ausgebildet wurde Quantz von dessen Nachfolger; nun spielte er aushilfsweise in der Hofkapelle des Prinzen Friedrich Erdmann von Sachsen-Merseburg. Als der Prinz 1714 starb, wurde eine dreimonatige Hoftrauer angeordnet, und damit die Musiker recht trauern konnten, wurde ihnen während dieser Zeit kein Gehalt ausbezahlt. Quantz verließ diesen Ort und wanderte nach Dresden, wo er sich um eine Stelle als Stadtpfeifer bewarb – abgelehnt. Also wanderte er nach Radeberg, dort bekam er die Stelle, nur brannte Radeberg drei Wochen später ab. Also wanderte er nach Pirna, wo er wieder Stadtpfeifer wurde, und zwar so lange, daß er sich weiterbilden konnte, zuletzt spielte er Violine, Trompete, Zink, Waldhorn, Posaune, Blockflöte, Fagott, Cello, Gambe und Kontrabaß.
     1716 trat er eine Stelle als Oboist bzw. Flötist in der Stadtkapelle Dresden an. Zwei Jahre später wechselte er zur Polnischen Kapelle Augusts II. Das sagt sich leicht, aber Friedrich August der I. von Sachsen, genannt August der Starke, war ab 1697 in Personal­union als August II. König von Polen. Ein ziemlich rarer Fall, daß einer gleichzeitig August der I. und der II. ist. Jedenfalls: mit dessen Kapelle reiste Quantz regelmäßig nach Polen.
     „Um beruflich weiterzukommen“, wie es so nett heißt, studierte er 1717 in Wien Kom­position, 1718 nahm er in Dresden Querflötenunterricht. Seine italienische Reise 1724-1726 führte ihn nach Rom, wo er beim Konzertmeister des Lateran Kontrapunkt studierte. In Neapel traf er Scarlatti, in Venedig Vivaldi. Gleich anschließend ging er für zwei Jahre nach London, wo Händel ihn zum Bleiben drängte. Dieser Drängung folgte er nicht und wurde 1728 Flötist in der Kurfürstlich-Sächsischen und Königlich-Polnischen Kapelle in Dresden. Dort lernte er den preußischen Kronprinzen Friedrich kennen, dem er seitdem Flötenunterricht gab, mit dem er also nach Potsdam zog.
     Bekanntlich war Friedrichs Vater, der Soldatenkönig, von den künstlerischen Neigungen seines Sohnes –gelinde gesagt – nicht angetan. Quantz erzählte, daß er sich bei einer der strengen Kontrollen im Schrank verstecken mußte. Eine noch seltsamere Geschichte: 1737 gab er einem Fräulein Schindler, die auf ihrem Sterbebett lag, das Eheversprechen, als Musiker mit empfindsamer Seele vermutlich aus reinem Mitleiden und in der Hoffnung, ihr das Hinscheiden leichter zu machen. Doch das Fräulein genas umgehend, und man ist kaum verwundert, wenn man liest, die Ehe sei „nicht recht glücklich“ gewesen.
     1741, ein Jahr, nachdem Friedrich König geworden war, wurde Quantz Kammermusi­kus und Hofkomponist. Fortan unterrichtete er den König täglich, begleitete ihn sogar ins Feldlager, und genoß das Privileg, des Königs Spiel kritisieren zu dürfen. Mein Vater, der Sammler und Gründer der Musikhistorischen Sammlung Jehle, erzählte, der alte Fritz habe Quantz einmal einen Zettel zustellen lassen: „Quantz ist ein Esel!“, ordentlich unterzeich­net. Quantz habe das Blatt genommen, seinen König aufgesucht und vorgelesen: „Quantz ist ein Esel, Friedrich der zweite.“
     Quantz leitete Hauskonzerte und komponierte: mehr als 200 Flöten-Solosonaten, 300 Flötenkonzerte, 45 Triosonaten und 9 Hornkonzerte. Das meiste blieb ungedruckt. Außer­dem baute er ab 1739 eigene Flöten, experimentierte mit der Bohrung, verbesserte die Flöten durch Hinzufügung einer 2. Klappe.
     A propos: vor ein paar Wochen haben wir eine Flöte erwischt, die nur eine Klappe hat. Der Verkäufer datierte sie auf „um 1820“. Unsere Querflöten von 1800 und 1810 haben aber schon 5 und 6 Klappen. Und nach der Faustregel: je mehr Klappen um so neuer, dürfte die neue Flöte deutlich älter sein. – Diesen interessanten Neuzugang zeigen wir erst­mals in dieser Sonderausstellung; die Flöte liegt bei der Trias der Musikschulen des 18. Jahrhunderts.
     1752, um zu den Musikschulen zu kommen, veröffentlichte Quantz seine für den Alten Fritz geschriebene Flötenschule, die aber weit über das hinausgeht, was man heute unter Flötenschule versteht: sie vermittelt ein umfassendes Bild der Aufführungspraxis und Musikästhetik des Spätbarock, zudem ist sie noch heute von aktuellem Wert, weil sie all­gemeine Anleitungen für das Ensemblespiel, die Begleitung und die Stilkunde enthält.
     Die Erstausgabe erschien in Berlin bei Johann Friedrich Voß, ein Reprint dieser Auflage bei Bärenreiter 1997, das ist heutzutage auch als Digitalisat zu haben. Die 2. Auflage er­schien 1780, drei Jahre nach Quantz Tod, satzgleich, aber mit verändertem Buchschmuck, nun in Breslau bei Johann Friedrich Korn dem Älteren. In der Musikhistorischen Samm­lung Jehle wird ein Exemplar der 3. Auflage aufbewahrt: 1789, wieder bei Korn dem Älte­ren in Breslau, eine Auflage, die im Wikipedia-Artikel speziell zu Quantz‘ Flötenschule nicht angegeben ist. Nachdem ich mich bei Wikipedia immer wieder bediene, so auch für diese Rede, war diese Lücke wieder einmal eine Möglichkeit, auch etwas zurückzugeben. d. h. ich habe die 3. Auflage im Wikipedia-Artikel eingetragen. Der genaue Titel:
     Johann Joachim Quantzens, Königl. Preußischer Kammermusikus, Versuch einer
     Anweisung die Flöte traversiere zu spielen; mit verschiedenen, zur Beförderung des
     guten Geschmackes in der praktischen Musik dienlichen Anmerkungen begleitet, und
     mit Exempeln erläutert. Nebst XXIV. Kupfertafeln. Dritte Auflage. Breslau, 1789.[!] bey
     Johann Friedrich Korn dem ältern, im Buchladen nächst dem K. Ober- Zoll- und
     Accisamte auf dem großen Ringe.

Mit den Kupfertafeln sind Notenblätter zum Ausklappen gemeint. Aber keine Sorge, ich zähle den Inhalt jetzt nicht en detail her – den finden Sie im Begleitheft, das ich, wie üblich, auch zu dieser Sonderausstellung gemacht habe. Und natürlich auch in meinem Bestands­verzeichnis der ganzen Sammlung, downzuloaden von der Website der Sammlung inner­halb der Website der Stadt Albstadt, momentan die 6. Auflage, über 4100 Seiten; die 7. Auflage ist in Arbeit.
     Als Quantz 1773 in Potsdam gestorben war, ließ sein König das Grab mit Plastiken der Gebrüder Räntz schmücken. 1865 wurde Quantz auf den Alten Friedhof umgebettet, 1994 (!) wurde das Grab völlig erneuert.
     Carl Philipp Emanuel Bach, der sogenannte Berliner bzw. Hamburger Bach, wurde 1714 als zweiter überlebender Sohn von Johann Sebastian Bach geboren. Carl Philipp Emanuel Bach galt als „einer der berühmtesten ‚Clavieristen‘ Europas“ und war seinerzeit viel be­rühmter als sein Vater.
     1741, im gleichen Jahr wie Quantz, erhielt auch Carl Philipp Emanuel Bach eine An­stellung am Hof Friedrichs II., und zwar als Konzertcembalist in der Hofkapelle. Den 17 Jahre älteren Quantz kannte er natürlich nicht nur, die beiden traten bei den berühmten Flötenkonzerten in Sanssouci gemeinsam auf. Er unterrichtete auch, u. a. den jungen Her­zog Carl Eugen von Württemberg, der mit seinen beiden Brüdern zur Erziehung am preu­ßischen Hof lebte. 1746 stieg Bach zum Kammermusicus auf, geriet in Streit mit einem subalternen Musiker, der Kerl wurde entlassen, und Bach erhielt 200 Taler mehr.
     1753, ein Jahr nach Erscheinen von Quantzens Flötenschule, brachte er – gewiß nicht ohne Bezug – seine Klavierschule heraus, genauer den ersten Teil; Teil II erschien neun Jahre später, 1762.
     Bach entfremdete sich dem Hofleben aber zunehmend, der überstandene Streit mag da­zu beigetragen haben, jedenfalls zog er 1768 nach Hamburg, wo er als städtischer Musik­direktor und Kantor am Johanneum ungefähr die gleichen Pflichten hatte wie sein Vater in Leipzig. An den fünf Hamburger Hauptkirchen sollten jährlich zusammen rund 200 Kon­zerte stattfinden. Zudem hatte er Kompositionen zu speziellen Anlässen zu liefern. Außer­dem hatte er im Hamburger Konzertleben eine führende Stellung, trat als Solist auf und brachte zahlreiche Werke zur Aufführung, u. a. die h-Moll-Messe von seinem Vater und Händels „Messias“. Bei den Wiener Klassikern stand er in höchstem Ansehen: Mozart sagte: „er ist der Vater, wir sind die Bubn“; Haydn erklärte, er habe Bach viel zu verdanken, Beethoven schrieb seinem Verleger, Bachs Werke müßten jedem wahren Künstler zum Studium dienen. Zu Bachs Hamburger Freunden gehörte nicht nur der Bürgermeister, sondern der berühmte Dramatiker Lessing, zu seinen Korrespondenzpartnern zählte auch Diderot, der Enzyklopädist, der ihn auch besuchte. Nach Bachs Tod im Jahr 1778 dichte­ten Klopstock und Gleim Nachrufe. Bachs Grab mit der prächtigen barocken Tafel in der Krypta von St. Michaelis – bekannter als der Michel – ist bis heute öffentlich zugänglich.
     Bachs Klavierschule, weit ausführlicher als Couperins „L’art de toucher de clavecin“ von 1716, gilt als das erste umfassende Lehrwerk für Klavier in deutscher Sprache. Mit „Clavier“ meinte Bach allerdings nicht das, was man heute darunter versteht. Die Sache mit dem Hämmerchen war zwar um 1700 erfunden worden und bis Mitte des 18. Jahrhunderts auch schon recht ausgereift, aber eben noch nicht verbreitet. Wann Bach erstmals ein Hammerklavier kennengelernt hat, ist nicht unumstritten, jedenfalls nicht, wie im Wikipdia-Artikel steht, erst in den 1780er Jahren – da war er bekanntlich bereits tot. Fakt ist: Fried­rich II. hat bereits im Dezember 1746 ein „Piano und Forte“ gekauft, und zwar für 420 Taler von Gottfried Silbermann, bekannter als Orgelbauer. Im Mai 1747 kaufte Friedrich II. ein zweites, für 373 Taler, und lud den alten Johann Sebastian Bach zu Besuch ein. Der kam auch und spielte auf einem oder beiden dieser Instrumente. Diese Hammerflügel muß dann ja wohl auch Carl Philipp Emanuel Bach gekannt haben. Besessen aber hat er so ein Instrument selbst nie, aber dafür komponiert hat er durchaus, zum Beispiel ein Konzert für Hammerklavier, Streicher, 2 Hörner und Basso Continuo in Es-Dur.
     Wie er in der Einleitung zum II. Teil schreibt, verstand er unter „Clavier“ alles, was claves hat. Claves ist lateinisch und heißt auf deutsch Taste, er meinte also die seinerzeit allseits be­kannten Tasteninstrumente: Orgel, Flügel – wie man damals zum Cembalo sagte –, vor allem aber das Clavichord. In der Musikhistorischen Sammlung Jehle steht ein Clavichord. Anders als bei Spinett und Cembalo wird der Ton nicht durch Anzupfen der Saite erzeugt, sondern ein recht breiter Metallstift schlägt von unten an die Saite, was nicht nur einen sehr leisen Ton gibt, sondern einige Nebengeräusche macht. Großer Vorteil: bis man die Taste losläßt bleibt der Kontakt von Stift und Saite bestehen. Man kann also, wenn man die Hand beben läßt, ein Vibrato erzeugen, ein für Tasteninstrumente einmaliger Fall. Noch ein Vorteil: das Instrument war klein und recht flach, vor allem besaß es kein Untergestell, konnte also bei Reisen problemfrei mitgeführt werden, wie ein Koffer.
     Die Erscheinungsgeschichte von Bachs Klavierschule ist allerdings etwas kompliziert; erwähne ich also am besten nur die Neu-Editionen: 1906 in Leipzig bei Kahnt, die erste englische Ausgabe 1949 in New York, beide Teile, Ausgabe 1753 und 1762, 1958 bei Breit­kopf & Härtel als Reprint (7. Auflage1992), 1994 dann ein Reprint bei Bärenreiter (3. Auf­lage 2008), von den zahlreichen Digitalisaten nicht zu reden. Die beiden Titel des Bandes in der Musikhistorischen Sammlung Jehle:
     Carl Philipp Emanuel Bachs Kapellmeister der Prinzessin Amalia von Preussen und
      Musikdirector in Hamburg Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen mit
     Exempeln und achtzehn Probe-Stücken in sechs Sonaten erläutert. Erster Theil. Dritte
     mit Zusätzen und sechs neuen Clavier-Stücken vermehrte Auflage. Leipzig, im
     Schwickertschen Verlage 1787.

Zusammengebunden mit:
     Zweiter Theil, in welchem die Lehre von dem Accompagnement und der freyen Fantasie
     abgehandelt wird. Nebst einer Kupfertafel. Zweite vom Verfasser verbesserte, und mit
     Zusätzen vermehrte Auflage. Leipzig. [!] im Schwickertschen Verlage 1797.

Weitere Erläuterungen, wie gesagt, in meinem Begleitheft zur Ausstellung bzw. online in meinem Bestandsverzeichnis.
     Kommen wir zur dritten Musikschule der berühmten Trias. Dazu verlassen wir den Hof Friedrichs des Großen bzw. Hamburg und kommen nach Salzburg zu den Fürsterz­bischöfen. Leopold Mozart ist der jüngste der drei: geboren 1719, also fünf Jahre später als Carl Philipp Emanuel Bach. Er ist berühmt vor allem als Vater Wolfgang Amadé Mozarts. Man sieht ihn auf allerlei Bildnissen der Zeit mit seinem Sohn und seiner Tochter, dem Nannerl. Die Tourneen mit seinen Wunderkindern sind bekannt. In diesem, bald zu Ende gehenden Jahr 2019, haben wir ihm einen Teil unserer alljährlichen kleinen Jahresausstel­lung zu Musiker-Jubiläen gewidmet: zum 300 Geburtstag. Unser Exemplar seiner Violin­schule hat für die nun beginnende Sonderausstellung lediglich die Vitrine gewechselt.
     Kindheit und Schule in Augsburg, Studium der Philosophie in Salzburg, Abschluß 1738 mit dem Grad eines Baccalaureus, heute Bachelor, dann ein weiteres Studium: Jura, das er aber nicht mehr abschloß. 1740 wurde er Geiger und Kammerdiener des Reichsgrafen und Salzburger Domherrn Johann Baptist von Thurn und Taxis, 1743 vierter Violinist in der Salzburger Hofkapelle, ab 1744 unterrichtete er die Kapellhausknaben im Geigenspiel, 1747 wurde er Hof- und Cammer-Componist. In diesem Jahr, 1747, heiratete er Anna Maria Pertl, die beiden bekamen sieben Kinder, zwei überlebten, Wolfgang und das Nan­nerl. Wolfgang wurde 1756 geboren, im gleichen Jahr erschien die Violinschule. Vielleicht stieg Leopold Mozart wegen dieses Buches zwei Jahre später zum zweiten Violinisten in der Hofkapelle auf. Aber er komponierte auch viel: 48 Sinfonien, sechs Divertimenti, fünf Flötenkonzerte, ein Trompetenkonzert, ein Posaunenkonzert, drei Klaviersonaten, zwölf Violinduos, ein Divertimento für Geige, Bratsche und Baß ...
     Der Titel seiner in der Musikhistorischen Sammlung Jehle gehüteten Violinschule lautet:
     Leopold Mozarts Hochfürstl. Salzburgischen Vice-Capellmeisters gründliche Violinschule,
     mit vier Kupfertafeln und einer Tabelle. Dritte vermehrte Auflage. Augsburg, gedruckt
     und zu finden bey Jo­hann Jakob Lotter und Sohn, Buchdrucker und Musikalien
     Verlegere[!]. 1787.

In der ersten Ausgabe lautete der Titel noch, angelehnt an Quantz‘ und Bachs Musikschule, „Versuch einer gründlichen Violinschule“ – „Versuch“ ließ er, wie unser Exemplar zeigt, später weg, mit einem bisher eher ungewohnten Selbstbewußtsein. Denn nun war er ja Vizekapellmeister, und zwar war er das seit 1763, Besoldung 400 Gulden, zusätzliches Wein- und Brotdeputat von 98 Gulden.
     Für die Tourneen mit Wolfgang und Nannerl erhielt er Urlaub, Fürsterzbischof Sigis­mund III. Graf Schrattenbach gewährte sogar finanzielle Unterstützung. Sein Nachfolger aber, Fürsterzbischof Hieronymus Graf Colloredo, verbot seinen Angestellten jede Be­schäftigung außer Hofes, konsequenterweise genehmigte er Leopold nicht nur keinen Urlaub mehr, sondern als Leopold insistierte, entließ er ihn kurzerhand, zum 1. September 1777. Bekannt ist, daß Wolfgang Mozart mit der Mutter diesmal allein reisen mußte, und daß die Mutter in Paris starb. Aber Leopold Mozart wurde am 26. September 1777, also rund vier Wochen nach dem Rausschmiß, wieder eingestellt, nicht ohne Ermahnung, sich fürderhin brav zu verhalten. Dem ist er wohl nachgekommen, denn als er am im Jahr da­rauf um Gehaltserhöhung bat, erhielt er 100 Gulden mehr. Sein längst europaweit gefeier­ter Sohn Wolfgang aber wollte nicht brav folgen und lehnte sich auf. Musiker waren als Dienstboten dem Küchenpersonal gleichgestellt, Küchenmeister Graf Arco war also sein direkter Vorgesetzter, und der setzte ihn, den jungen Mozart, 1781 mit dem berühmten Arschtritt vor die Tür.
     Sechs Jahre später – 28. Mai 1787 – starb Leopold und wurde in der Kommunegruft des Sebastianfriedhofs beerdigt. Kommungeruft meint genau das, was es sagt. 1814 wurde sie geräumt, unbekannt wie viele drinlagen; bei der nächsten Räumung, 1838, waren es 53 Er­wachsene und 3 Kinder. – Was für ein Unterschied zum glanzvollen preußischen Hof und der noblen Hansestadt Hamburg! Quantz und Bach waren, würde man heute sagen, Pop­stars – Leopold Mozart aber war Küchenpersonal.     Womit wir mit dem 18. Jahrhundert durch wären. Nein, eine Sache möchte ich noch an­fügen: die Musikhistorische Sammlung Jehle beherbergt eine kostbare Handschrift: ein „Processionale“, geschrieben vom Franziskaner Caesarius Chesal im Jahr 1723 und Katha­rina Elisabeth Wolff, Priorin der Klarissen in Neuss, zu Neujahr 1724 geschenkt. Der schönen Dedicatio folgen 10 Seiten unter dem Titel „Eine Kurtze Unterweisung deß Chor-gesangs“, mehrfarbig geschrieben, mit Noten. Das sollten wir einmal genauer untersuchen. Das Buch, das ohnehin in der Vitrine mit den alten Büchern liegt, ist für diese Sonder­ausstellung beim Anfang dieser kurzen Unterweisung aufgeschlagen – immerhin ist das unsere älteste Musikschule.
     Natürlich kann ich nicht Stück um Stück der Ausstellung derart detailliert vorstellen. Hüpfen wir also über die „Violin-Schule von Rode, Kreutzer und Baillot“, vom „Conser­vatorium der Musik zu Paris zum Unterricht angenommen“, 4. Auflage 1814 bei Peters, damals noch Bureau de Musique. Hüpfen wir über die Klavierschule von Louis Adam von 1815, die als erste spezifische Klavierschule der Welt gilt. Hüpfen wir auch über Johann Georg Frechs „Das Nöthigste über die Einrichtung und Behandlung der Orgel“, ab­gedruckt als Anhang des von ihm, Silcher und Conrad Kocher geschaffenen Württember­gischen Choralbuch 1828. Frech, Sohn eines Uhrmachers und Orgelbauers, war ab 1820 Musikdirektor in Eßlingen; auch er komponierte: sechs Symphonien, eine Oper, ein Ora­torium, 67 Kantaten und natürlich zahlreiche Werke für Orgel, allein 22 Choräle für die Württembergischen Choralbücher. Hüpfen wir auch über folgendes dreibändiges Werk:
     Ausführliche theoretisch-practische Anweisung zum Piano-Forte-Spiel, vom ersten
     Elementar-Unter­richte an bis zur vollkommensten Ausbildung verfaßt und S. Majestät
     dem Kaiser von Rußland Nico­laus I.
in tiefer Unterthänigkeit zugeeignet von J.[ohann]
     N.[epomuk] Hummel
, großherzoglich sächsi­schen Hofkapellmeister, Ritter der königl.
     französischen Ehrenlegion, Mitglied mehrerer akademischer Gesellschaften. Original-
     Auflage. 1828.

Wolfgang Mozart nahm Hummel in sein Haus auf und gab ihm kostenlosen Unterricht, später wurde er auf Haydns Empfehlung Hofkapellmeister beim Fürsten Esterhazy, 1816-1818 war er Hofkapellmeister in Stuttgart, ab 1819 in Weimar, nach seinem Tod veranlaßte Liszt die Errichtung eines Hummel-Denkmals in Hummels Geburtsort Preßburg. Er galt als bedeutendster Pianist seiner Zeit, war Freund und Konkurrent von Beethoven, Liszt hätte gern von ihm Unterricht bekommen, aber Hummels Honorarforderung war ihm zu hoch. – Hüpfen wir sogar über die Erstausgabe des berühmten Louis Spohrs berühmter Violinschule, erschienen fünf Jahre später, 1833, in Wien. Neben Paganini gilt Spohr als größter Geiger seiner Zeit, nach dem Tod von Carl Maria von Weber und Beethoven galt er außerdem als größter deutscher Komponist, aber nur bis Schubert, Schumann und Men­delssohn auftraten – dieser Ruhm währte also nur rund 10 Jahre. – Hüpfen wir über die „Harmonie- und Compositionslehre“ von Friedrich Silcher, Tübingen 1851. Halten wir aber inne bei einem weniger berühmten, dafür ausgefallenen Stück: „Leichtfaßliche Schule für das Klappen-Flügel-Horn oder die Kunst, in kurzer Zeit dieses Instrument erlernen zu können“, verfaßt von Anton Baal, erschienen 1848 in Augsburg.
     Die ersten Klappenhörner wurden ungefähr zur Zeit der berühmten Trias der Mu­sikschulen gebaut, nämlich um 1760. Im Lauf der Zeit entwickelten sich diverse Typen. In der Musikhistorischen Sammlung Jehle findet man zwei Exemplare, beide in C, beide mit Schalltrichter nach oben, gebaut um 1815 und um 1830.
     Das Besondere bei diesen Instrumenten waren, wie der Name schon sagt, die Klappen, d. h. man hatte den Blechblasinstrumenten Klappen wie bei den Holzblasinstrumenten gegeben, was zu ziemlichen Nebengeräuschen führte, weshalb man diese Dinger im Volks­mund nicht Klappenhörner nannte, sondern Klapperhörner.
     Bisher hatte ich immer angenommen, die Klapphornverse, die schon meiner Vater bei Führungen zitiert hat, seien dem Amüsement des Biedermeier entsprungen. Bei der Vor­bereitung dieser Sonderausstellung habe ich allerlei Neues gelernt, so auch in diesem Fall: es ging erst im Jahr 1878 los, und zwar weil ein Göttinger Notar einen Vierzeiler an die Redaktion der „Fliegenden Blätter“ geschickt hatte:

                                    Zwei Knaben gingen durch das Korn
                                    Der andre blies das Klappenhorn.
                                    Er konnt‘ es zwar nicht ordentlich blasen,
                                    Doch blies er‘s wenigstens einigermaßen.

Die Redakteure druckten diese durchaus ernstgemeinten Zeilen am 14. Juli 1878 ab, schick­ten aber satirische Vierzeiler hinterher und lösten so die Flut der Klapphornverse aus, Re­frain „Freut euch des Lebens“. Mitgedichtet haben sogar Christian Morgenstern und Karl Valentin.

                                    Zwei Knaben gingen durch das Korn,
                                    Sie gingen alle beide vorn, 
                                    Doch keiner in der Mitte,
                                    Man sieht, es fehlt der dritte.
 Oder:
                                    Zwei Knaben gingen einst am Nil,
                                    Den ersten fraß ein Krokodil,
                                    Als es den zweiten angeguckt,
                                    Hat es den ersten ausgespuckt.
Und:
                                    Zwei Knaben lagen wohl im Stroh,
                                    Vom einen sah man nur den Po,
                                    Vom anderen sah man nur die Knie,
                                    Ich glaub, der Knabe hieß Marie.
Und derb:
                                    Zwei Knaben stiegen auf einen Turm
                                    Der eine hatte nen Bandelwurm
                                    Der and’re keck und munter
                                    Ließ sich daran runter.

Kurzum: der instrumentenbautechische Irrweg der Hörner mit den Klappen endete nicht etwa einige Zeit nach Erfindung der Ventile im Jahr 1814, sondern Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts. Ernsthaft wurden diese Instrumente am längsten in der englischen Militärmusik verwendet, sonst waren sie zuletzt überall zum billigen Volksinstrument ver­kommen. Dazu paßten die Verse ja.
     Inzwischen war die Salonmusik aufgekommen, in den satirischen Blättern wurde ge­spottet, daß man Mägde vom Melken weg in die Klavierstunde schickte. Die berühmten Klavier- und Flügelbauer etablierten sich, ihre Firmen wurden groß und größer, die Zahl ihrer Angestellten höher, die Titel der Chefs ebenfalls. Und natürlich wuchs die Menge der Musikschulen.
     Preis-Klavierschule. Von Karl Urbach. Infolge eines Preisausschreibens gekrönt durch
     die Preisrichter: Herr Kapellmeister Karl Reinecke
in Leipzig. Herr Musikdirektor Isidor
     Seiß
in Köln. Herr Professor Theodor Kullak in Berlin. Dritte Auflage. Preis 3 Mark.
     Eleg. in Halbfranz geb. 4 M. 50 Pf. – Eleg. in ganz Lnwd. geb. mit Goldtitel 5 M. Eleg. in
     ganz Lnwd mit Goldtitel und Goldschnitt 6 Mark. Leipzig 1879. Verlag von Sigismund &
     Volkening. Buchhandlung für pädagog. Literatur. New York: Edward Schuberth & Co.
     23 Union-Square. Wien: Buchholz & Diebel Grabenhof. Amsterdam: B. J. Grevers.

Man sieht: Musikschulen wurden ein großes Geschäft. Der erste Band der bekannten Klavierschule von Max Bisping und Alfred Rose, längt Bisping-Rose genannt, hatte schon 1919 das 285. Tausend erreicht. 1868 brachte ein Mann namens Gustav Damm eine Musik­schule heraus, für Generationen von Schülern Lehrmaterial: 
     Klavierschule und Melodienschatz für die Jugend. Praktisch bewährte Anleitung zur
     gründlichen Er­lernung des Klavierspiels mit mehr als 140 melodischen Lust und Fleiss
     anregenden Musikstücken zu zwei und vier Händen und vielen schnellfördernden
     technischen Übungen
Deutsch und englisch, Steingräber Verlag. Wir besitzen die 309. Auflage um 1920. Gustav Damm ist Pseudonym. Es handelt sich um Theodor Steingräber, den Gründer des Verlags, verwandt mit den Klavierbauern Steingraeber.
     Aber natürlich nicht nur Klavier. Tolles Zeug, was da zuweilen auf den Markt kam: „Die musikalische Erziehung zum Stimmkrüppel im Spiegel natürlicher Stimmkultur“ von einem Menschen namens G. Braun. Inzwischen gibt’s exzellente Hilfsmittel zur Identifizierung von Noten, die ja die komplizierte Eigenschaft haben, selten datiert zu sein: für das 19. Jahrhundert den Hofmeister-Katalog, von der University Oxford online gestellt, natürlich die Online-Antiquariatsplattformen, Zvab.de, Booklooker.de etc., vor allem den Karlsruher Virtuellen Katalog: Zusammenschluß aller Bibliotheken mit online-Verzeichnis, weltweit, aber natürlich ohne Kyrillisch und Arabisch, von Asien ganz zu schweigen. Mit Initialen abgekürzte Namen werden genannt, sofern man sie kennt – G. Braun gehört nicht dazu.
     Auch nicht die „Stufenmäßig geordnete Sing- und Liederschule für gehobene Lehr­anstalten mit besonderer Rücksicht auf höhere Mädchenschulen bearbeitet von J. A. Ehni, Oberlehrer der Mittelschule in Heilbronn“, 3. Auflage 1895. Natürlich habe ich unseren Berzirkskantor Wolfgang Ehni gefragt, ob das einer seiner Vorfahren sei. Wußte er nicht. Was ja nicht heißt, daß J. A. Ehni keiner seiner Vorfahren ist.
     Unsere Abteilung „Musikschulen, Lehrbücher“ umfaßt 234 Ausgaben, Tendenz stei­gend, die neuste aus den 1980er Jahren, nicht eingerechnet die zahlreichen Anhänge in Liederbüchern, wie man Blockflöte, Gitarre, Laute etc. spielt, oft mit extra beigelegten Blättern mit Grifftabellen, und nicht eingerechnet die vielen nach aufsteigendem Schwierig­keitsgrad geordneten Alben.
     Ich kann also nicht einmal die Titel alle aufzählen, erst recht nicht ausstellen. Summierend: Schule für fünfaccordige Guitarre-Zither – dieses kleine Heftchen ist außer bei uns welt­weit nirgendwo mehr vorhanden –, Schule für zweireihige diatonische Handharmonika mit Hilfstasten, diatonische Mundharmonika, Blockflöte, Praktische Harmonielehre, „Erster Lehrmeister von Carl Czerny [...] Vorübungen zur Kenntnis der Noten“, Theorie und Praxis der Musikinterpretation, Violine und Klavier auf psycho-physiologischer Grundlage, Harmonium, Posaunenchor, Chromonica-Schule für die chromatische Hohner-Mundhar­monika Chromonica II und III, Trompete in B auch Cornet, Flügel- oder Althorn, Alt-Blockflöte, Improvisation für gottesdienstliches Orgelspiel, „Vom Erleben des Gesanges“ 1925 – hier halte ich inne. Dieses Buch hat Olga Hensel geschrieben.
     Ein Prof. Adolf Hauffen von der deutschen Universität Prag hielt vor dem Ersten Weltkrieg einen Vortrag über Weihnachtslieder aus dem Böhmerwald und engagierte, um die Beispiele vorzuspielen, die Prager Konzertsängerin Olga Pokorny und den Germanisten und Volksliedforscher Dr. Julius Janiczek als Begleiter mit der Laute. Den beiden Musi­kern, die sich damals zum erstenmal getroffen haben, hat das gemeinsame Musizieren of­fenbar gefallen haben, denn sie begannen, Abende mit Volksliedern zur Laute zu ver­anstalten. Dr. Julius Janiczek kennt man unter dem Namen, den er sich später zugelegt hat: Walther Hensel. Die beiden heirateten, hielten Singwochen ab, zuerst im Jagdhaus Finken­stein bei Mährisch-Trübau, woraus sich der Finkensteiner Bund gründete, mit dessen Lie­derheften der Bärenreiter Verlag begann und groß wurde. Als Gründer des Finkensteiner Bundes nannte man später nur noch Walther Hensel, evtl. – wie es heißt – „mit Rücksicht auf seine zweite Frau Paula“. Vielleicht sollte da ein Männlichkeitsforscher ansetzen.
     Weiter im kursorischen Überblick: vielbässiges Piano-Akkordeon in 2 Bänden von Hugo Hermann und Hermann Schittenhelm, 8 Ausgaben des Hohmann-Heim, einer über Generationen benutzen Violin-Schule, unser Expl. mit der höchsten Auflage: 685. Tau­send; die dreibändige Violinschule von Joseph Joachim und Andreas Moser, eine Schule des gregorianischen Choralgesangs von Pater Dominicus Johner, Benediktiner von Beuron, Piano-Akkordeon und chromatische Knopfgriff-Harmonika, Clarinette, „Der junge Pia­nist“ von Richard Krentzlin, Copyright 1937: nach dem Lehrwerk von Krentzlin habe auch ich noch Klavierspielen gelernt, dazu später. Halte ich erst wieder inne beim „Handbuch für die Singleiter der Wehrmacht“, erschienen 1940 oder 1941.
     Vor 15 Jahren habe ich den Briefwechsel meiner Eltern abgetippt, zentraler Zeitraum: 1934-1943. Liebesgeflüster, das auf einer Bank am Waldrand unterm Mond hätte statt­finden sollen aber nicht stattfinden konnte, da mein Vater Soldat war, zunächst in Nor­wegen. Seinen Standort durfte man in Briefen nicht nennen, also schrieb er am 25. Novem­ber 1941 an meine Mutter: „Jetzt bin ich schon 2 Tage hier, in einem Ort, nach dem bei uns ein bekanntes Wintersportgerät heißt“ – Skien, Hauptstadt der Telemark, Geburtsort von Ibsen. Weiter unten im Brief: „Der Kurs steht unter der Leitung von Herr Baumann, dessen Name Dir wohl bekannt ist.“ Gemeint ist Hans Baumann, der Hans Baumann, den man wohl mit Fug und Recht den besten Nazi-Komponisten nennen kann, geboren im gleichen Jahr wie mein Vater, 1914. Es ist ja nun leider nicht so, daß die, die auf der falschen Seiten stehen, nichts können. Baumann konnte. Und er war berühmt, seine Liederbücher – „Der helle Tag“, „Die helle Flöte“, vor allem die Soldatenlieder „Morgen marschieren wir“ – hatten mehrere Auflagen, seine Lieder fehlen in keiner wichtigen Nazi-Anthologie, am berühmtesten wurde sein Lied „Es zittern die morschen Knochen“, sein Lied „Hohe Nacht der klaren Sterne“ war das Weihnachtslied jener Zeit. Nach dem Krieg war er als Autor von Kinderbüchern höchst erfolgreich und wurde mit zahlreichen Preisen dekoriert, auch international. Den Gehart-Hauptmann-Preis immerhin, verliehen 1962, zog man später zurück.
     In diesem Zusammenhang möchte ich die „Singfibel für Soldaten“ erwähnen, für „Das Singen auf dem Marsch und in der Runde“. Die gehört keineswegs ins Dritte Reich, son­dern ist von 1963, herausgegeben vom Bundesministerium der Verteidigung, Schriftenreihe innere Führung, Reihe: Truppenbetreuung.
     Hüpfen wir also lieber weiter: leichtverständliche Schule für die Hohner-Organa-Chord 18 und 72, „Die Kunst der Kehlfertigkeit“, „Alterierte Accorde. Modulation mit dissonie­renden Accorden. Trugfortschritte“, „Contrabass-Schule (auch zum Selbstunterricht“, Zug­posaune, Waldhorn, Oboe, „Schule für Trompete, Flügelhorn oder Kornett in B“ ... Doch allmählich muß ich zum Schluß kommen. Den Ausstieg bietet das Buch „Über das Dirigie­ren“, Breitkopf & Härtel, vierte Auflage 1913, verfaßt von Felix Weingartner. Interessant ist der Besitzvermerk vom Mai 1917: „Marie Knobel“.
     Marie Knobel (1892-1982) und ihr späterer Mann, Eugen Geiger (1886-1962), grün­deten 1911 das „Musikinstitut Geiger“ in der Bogenstraße 11, das Haus steht noch, trägt inzwischen aber die Nummer 17, ist ja auch die Bogenstraße nicht mehr das, was sie vor dem Bau der neuen Zufahrt zur Bitzer Steige einmal war. Das „Musikinstitut Geiger“ ist ein Vorläufer der Musik- und Kunstschule, die unsere Veranstaltung heute musikalisch be­reichert.
     Marie Geiger unterrichtete Klavier und Gesang, Eugen Geiger unterrichtete Klavier und Geige. Johannes Jehle, mein Großvater, war mit ihnen befreundet, sie traten miteinander auf, und natürlich unterrichteten Geigers auch dessen Kinder: meinen Vater und seine Schwestern Hildegard, Johanna und wohl auch Gertrud. So wie sie dann auch mich und einige meiner Geschwister unterrichteten. Ich, als jüngster, mußte zuletzt ins Ebinger Altersheim Augustenhilfe kommen, wohin sie sich 1970 zurückgezogen hatte mit dem Vorschlag, sie stelle ihren Flügel in den Kirchsaal und dürfe dort weiter unterrichten, dafür spiele sie zum Gottesdienst auf. Ein reiner Deal, denn gläubig war sie nicht. Im Gegenteil: meine Mutter erzählte, Frau Geiger sei fluchend und mit geballten Fäusten gestorben, ein Bild, das mich noch immer beeindruckt. Sie starb am Palmsonntag 1982. Der Flügel steht noch immer da.
     Sie war die Grande Dame der Musik, ihr Mann, erzählte sie mir, habe im Kino noch zu den Stummfilmen Klavier gespielt, bis er sich einmal weigerte, das Horst-Wessel-Lied zu spielen, da habe man ihnen die Fenster eingeworfen. Sie zeigte mir ihr Exemplar von „Mein Kampf“, über und über mit wütenden Randbemerkungen vollgeschrieben; sie grollte, da sei doch alles angekündigt gewesen, aber die Deutschen seien sogar zum Lesen zu blöd.
     Eugen Geiger komponierte auch. Als Frau Geiger nach seinem Tod 1962 alle Kom­positionen im Leimofen der Klavierfabrik meines Vaters verbrannte, Begründung: Mittel­mäßiges gebe es genug – davon habe ich gewiß schon einmal erzählt –, da bat mein Vater um wenigstens ein Blatt für seine Sammlung. Sie gab ihm die Mezzo-Sopran-Stimme der „Schilflieder“ nach Lenau für Singstimme, Flöte und Streichquartett. Gedrucktes ja, da gibt es ein paar wenige Sachen im Musikverlag meines Großvaters Johannes Jehle, aber an Handschriftlichem, dachten wir, eben nur diese eine Stimme.
     Als ich vor zwei Jahren den musikalischen Nachlaß von Hildegard Jehle, der ältesten Schwester meines Vaters, für die Musikhistorische Sammlung Jehle aufarbeitete, fand sich denn doch noch etwas. Hildegard Jehle war Seminargenossin von Hanna Jehle, meiner Mutter, beide schlossen 1937 mit dem Lehrerinnen-Seminar ab. Meine Mutter mußte wegen überstandener Knochentuberkulose keinen Reichsarbeitsdienst leisten und begann sofort zu unterrichten, in Bitz. Meine Patentante Hildegard leistete 6 Monate Reichsarbeit­dienst bei Magdeburg: „N. S. Arbeitsdienst, Deutscher Frauenarbeitsdienst, Lager Elbe­nau“. Im Herbst 1937 ihre erste Schulstelle: Ebingen, 1939 bis 1942 Margrethausen, 1942 bis 1945 Tailfingen. Spätestens ab der Tailfinger Zeit bereitete sie sich auf die Aufnahme­prüfung im Fach Geige am Stuttgarter Konservatorium für Musik vor, natürlich unter Anleitung von Eugen Geiger. Ihre Instrumente, Geige und Bratsche, hat Herbert Moritz Mönnig gebaut, dessen Werkstatt Sie im Dachgeschoß des Stauffenberg-Schlosses sehen können. Sie muß wirklich gut gewesen sein, Eugen Geiger jedenfalls widmete ihr 1942 eine „Romanze G-Dur für Violine und Klavier“, und am 1. Mai 1943 schrieb ihr mein Vater aus Norwegen: „Zunächst gratuliere ich recht herzlich zur bestandenen Aufnahme-Prüfung an der Hochschule.“ Das Musikstudium absolvierte sie offenbar neben dem Tailfinger Lehr­auftrag, danach aber, ab 1945, war sie freie Studentin. Doch nach zwei Jahren bekam sie in der linken Hand Probleme mit den Sehnen – vorbei der Traum von der Geigen-Virtuosin. Übrig geblieben ist der weltweit wohl einzige komplette Autograph von Eugen Geiger, die „Romanze G-Dur für Violine und Klavier“, Partitur und Stimme mit der datierten Wid­mung – auf Umwegen Frau Geigers Furor und dem Leimofen entronnen.
     Der Unterricht bei Frau Geiger war immer sehr lebhaft. Sie nahm kein Blatt vor das oft recht derbe schwäbische Maul. Hatte ich wieder einmal nicht geübt, rüffelte sie, Klavier­stunden seien schließlich nicht billig, so gut wie mein Patenonkel Werner Feyrer würde ich sowieso nie, an eine Pianistenkarriere bräuchte ich gar nicht erst denken. Dabei hatte ich daran gar nicht gedacht. Verspielte ich mich, wischte sie meine Hände mit lautstarkem „pfui Teufel!“ von der Klaviatur. Meine Schwester Gertrud, die nach Eugen Geigers Tod den Klavierunterricht bei ihr fortsetzte, erzählte, Frau Geiger sei von einer dieser großen Fliegen genervt worden, wollte das surrende Ding fangen, schließlich sei sie erbost auf den Stuhl gesprungen, habe die Fliege hoch oben in der Zimmerecke an die Wand geklatscht, zufrieden gesagt: „Hot de!“, habe sich auf den Stuhl plumpsen lassen und wieder den Takt gezählt.
     „Hot de“ könnte auch ich jetzt sagen, schließlich habe ich nicht nur meiner Klavier­lehrerin respektvollen Dank abgestattet, sondern die Rede fertig und die „Ausstellung Musikschulen ab dem 18. Jahrhundert“ eröffnet. Vielen Dank!