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1954               23. 12 in Balingen geboren
                       Kindheit und Schule in Ebingen (seit 1975 Albstadt)
1974               Abitur am Gymnasium Ebingen
1974-1976     Zivildienst, anschließend Werkstatterzieher ohne Ausbildung in einer WfB
1976-1983      Studium der Germanistik, Slavistik, Musikwissenschaft, Allgemeinen und
                       Vergleichenden Literaturwissenschaft an den Universitäten Regensburg,
                       Tübingen, Wien, Bamberg und Mainz
1982-1984      Betreuung der Musikhistorischen Sammlung Jehle im Stauffenberg-Schloß
                       Lautlingen (für Infos klicken Sie hier)
1982-1993      Aufbau und Betreuung des Hildesheimer-Archivs. Das Archiv des 1991
                       gestorbenen Schriftstellers und bildenden Künstlers Wolfgang Hildesheimer 
                       befindet sich seit 1993 in der Akademie der Künste Berlin (für Infos klicken
                       Sie hier)
1983               M.A. in Mainz bei Wulf Segebrecht
                       Hochzeit mit Andrea Eppler, Trauzeugen Silvia und Wolfgang Hildesheimer
                       Geburt des Sohnes Martin
1984-1991      Zahlreiche Hildesheimer-Editionen
1990               Promotion in Tübingen bei Walter Jens, summa cum laude
1993-1997      Freier Mitarbeiter der Stuttgarter Zeitung
1995               Umzug mit der Familie nach Geislingen bei Balingen
1996-1999      Kurse Literarische Neuerscheinungen im Kräuterkasten Ebingen
1998 ff.           Arbeit an Das lichtlose Tier, der Krieg. Der Roman meiner Mutter
2002               28. August bis 26. September: Dreharbeiten von Komm, wir träumen
2004               29. Oktober: Premiere von Komm, wir träumen auf den 38. Internationalen
                       Hofer Filmtagen
2004-2005      Im Auftrag eines Freundes: Verkauf einer Bücher-Sammlung ab dem 17.
                       Jahrhundert, ab dem 19. Jahrhundert nahezu ausschließlich (meist
                       illustrierte) Kinder- und Jugendbücher
2005               Erste Endfassung von Das lichtlose Tier, der Krieg. Der Roman meiner
                       Mutter

                       Übernahme der Herausgabe von Wolfgang Hildesheimers Briefen an die
                       Eltern (1937-1962) für Suhrkamp, Arbeitstitel: Die sichtbare Wirklichkeit 
                       bedeutet mir nichts

                       26. Oktober: Offizieller Kinostart von Komm, wir träumen im Rio-Filmpalast
                       München
2006               Touren mit Komm, wir träumen
                       Forschungsarbeit für Hildesheimers Briefe an die Eltern, parallel Arbeit an
                       einer korrigierten und erweiterten Hildesheimer-Bibliographie
                       Mai: die unveränderte Neuauflage Ulrike erscheint
                       Sommer: Fertigstellung des schmalen Roman-Manuskripts Friederike
                       16. November: Komm, wir träumen gewinnt als bester Spielfilm den Golden 
                       Artist auf dem 1. internationalen HD-Festival in München
                       Mitarbeit an der DVD von Komm, wir träumen
2007               Touren mit Komm, wir träumen
                       Mitarbeit an Patricia Stanleys amerikanischer Übersetzung von Ulrike
                       Juni: DVD von Komm, wir träumen erschienen
                       August: Beginn der literarischen Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Chris
                       Burgmann
2008               Mai: das Buch von Hanna Jehle: Gedichte. Gesammelt und kommentiert
                       von
Volker Jehle erscheint, Seitenpfad von Das lichtlose Tier, der Krieg
                       August: Beginn der Erstellung eines digitalen Bestandsverzeichnisses der
                       Musikhistorischen Sammlung Jehle
                       November: Come, let's dream!, Patricia Stanleys Übersetzung von Ulrike
                       erscheint
                       Ende November: Burgmann & Jehle: Der Geschichtenerzähler erscheint
2009               Juli: Highly Commended Award in the ILAE (International League Against 
                       Epilepsy) Centenary Film Competition
                       November: vorläufiger Abschluß der Arbeit an der Edition von Wolfgang
                       Hildesheimers Briefen an seine Eltern
2010               Dezember: erster Abschluß der Arbeit am Bestandsverzeichnis der
                       Musikhistorischen Sammlung Jehle: die interne Fassung (mit Register knapp
                       2250 Seiten)
2011               Palmsonntag: Buchpräsentation von Hanna Jehle: Mit den Augen des
                       Herzens
                      
10. Oktober: Buchpräsentation von Volker Jehle: Reisen
2012               März: offizieller Beginn als wissenschaftlicher Betreuer der Musikhisto-
                       rischen Sammlung Jehle im Stauffenberg-Schloß Albstadt-Lautlingen
                       (Ursula Eppler, rund dreißig Jahre Kustodin der Sammlung, übernimmt 
                       nach wie vor Führungen und Pädagogik)
2013               Juni: erstmals öffentlich: Volker Jehles Bestandsverzeichnis der 
                       Musikhistorischen Sammlung Jehle – über 2500 Seiten
                       Oktober: Volker Jehles drittes Buch mit Texten von Hanna Jehle erscheint:
                       Mitten im Alltag
                       November: die zweite, korrigierte und ergänzte Auflage des Gesamt-
                       verzeichnisses ist online: nun knapp 2900 Seiten
                       7. Dezember 2013, Stauffenberg-Schloß Albstadt-Lautlingen: Eröffnung von 
                       Ursula Epplers und Volker Jehles Ausstellung Liederbücher ab 1800 aus
                       Beständen der Musikhistorischen Sammlung Jehle (die Ausstellung dauert 
                       bis April 2014)
2014               26. Januar: Präsentation von Mitten im Alltag im Festsaal des Stauffenberg-
                       Schlosses Albstadt-Lautlingen
                       Juli: die dritte, korrigierte und ergänzte Auflage des Gesamt-
                       verzeichnisses ist online: nun knapp 3100 Seiten
                       Oktober: die zweite, ergänzte Auflage von Hanna Jehles Buch Gedichte
                      
erscheint
2015               Januar: Übernahme der Inventarisierung der Stauffenberg-Gedenkstätte
                       im Stauffenberg-Schloß Albstadt-Lautlingen
                       Mai: die vierte, korrigierte und ergänzte Auflage des Gesamt-
                       verzeichnisses ist online: nun knapp 3300 Seiten
                       Oktober: das amerikanische Reisen erscheint: A Travel Journal, übersetzt
                       von Patricia Stanley
                       November: Fertigstellung der internen Fassung von Stauffenberg-
                       Gedenkstätte. Stauffenberg-Schloss Albstadt-Lautlingen. Bestands-
                      
verzeichnis von Volker Jehle
2016               Oktober: Wolfgang Hildesheimer: "Die sichtbare Wirklichkeit bedeutet mir
                       nichts"
erscheint
2017               Februar: Übernahme der Betreuung der Websites der Musikhistorischen
                       Sammlung Jehle und der Stauffenberg-Gedenkstätte im Stauffenberg-
                       Schloss Albstadt-Lautlingen innerhalb des Portals Museum.de
                       5. November: Festrede anläßlich von 40 Jahre Musikhistorische Sammlung
                       Jehle im Stauffeberg-Schloss
, zugfleich Eröffnung der Sonderausstellung
                       Geschichte der Musikhistorische Sammlung Jehle
                       25. November, Bergcafé Wedel: Lesung im Rahmend er Albstädter Literatur-
                       tage 2017, 
                     




Förderkreis deutscher Schriftsteller 1986 und 1989
Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg 1991 für Ulrike (für Infos klicken Sie hier)
Nominierung zum 1. Baden-Württembergischen Drehbuchpreis 1999 (seit 2008: Thomas
     Strittmatter Drehbuchpreis) für das Drehbuch Ulrike
Golden Artist für Komm, wir träumen als bester Spielfilm auf dem 1. HD Festival München,
     16. 11. 2006
Highly Commended Award in the ILAE (International League Against Epilepsy) Centenary
     Film Competition 2009 für Komm, wir träumen
Mitglied des VS Baden-Württemberg; zum Verzeichnis Baden-Württembergischer Autoren
     gelangen Sie hier






In der Musikhistorischen Sammlung Jehle befindet sich eine Sammlung deutscher Volkslieder mit Melodien, zweifellos württembergisch, erschienen zwischen 1843 und frühestens 1853, spätestens 1858, Querformat 16 x 10 cm, Umfang 90 S., 54 numerierte Lieder.
Das Titelblatt fehlt; das erste Blatt mit S. 1f. bzw. Lied-Nr. 1 und 2 fehlt (jeweils ein Morgenlied); S. 3-87: Lied Nr. 3-54 mit Noten im Typendruck (zweistimmige Sätze); S. 88f.: „Inhalt / nach Rubrik, Nummer und Seitenzahl“, S. 90: „Register“.
     Besitzvermerk im vorderen Deckel: „Friedrich Jehle sem[inar] Ur[ach] 1858/62“ – der wahrscheinlich späteste Erscheinungstermin wäre demnach 1858. Das früheste im Buch genannte Sterbejahr ist 1843 (Agnes Franz), von den im Buch als lebend geführten Dichtern starb am frühesten Tieck (1853).
     Auf Württemberg deutet wohl Uhlands Ulme zu Hirsau (Nr. 43), eindeutig aber das Lied Dem Könige (Nr. 39) – die württembergische Nationalhymne: „Heil unserm König, Heil! Heil unserm Fürsten, Heil“; der Text des direkt nachfolgenden Liedes Zum Geburtsfeste des Königs (Nr. 40) läßt sich selbst im Internet nicht nachweisen: „Unser guter König lebe, lang, o Gott, erhalt uns ihn“ nach August Zarnack.
     Das Volksliedarchiv Freiburg hat nachgeprüft: um den letzten Teil von Erks
 Volksliedsammlung (1844) handelt es sich nicht, auch wenn Erks Sammlung ebenfalls 54 Lieder umfaßt; sonst aber paßt nichts zusammen. Verheißungsvoll klingt die bei Hofmeister verzeichnete Ausgabe von Johann Christian Weeber: Liederbuch für die deutsche Schul-Jugend. Eine Sammlung zweistimmiger Lieder mit besonderer Rücksicht auf einheimische Volksweisen. Stuttgart: Wagner 1847 – dieses Buch ist wohl verschollen; bekannt und erhalten geblieben sind offenbar lediglich spätere Auflagen von Weebers 1852 erst­mals erschienener Liedersammlung für die Schule, die aber anders aufgemacht ist.
     Wer weiß Titel, Herausgeber, Verlag, Jahr?






















Für die Musikhistorische Sammlung Jehle auf dem Flohmarkt gefunden: Meersburger Liederbuch. Eine Auswahl von Liedern und Gesängen für gesellige Kreise. Unter musikalischer Redaktion von H. Hönig, Musiklehrer am Lehrerseminar Meersburg. Überlingen, Druck und Verlag von Aug. Feyel, erschienen (wie der OPAC Südwest ausweist) "ca. 1891"; sonst wird das schmale Buch nirgends verzeichnet oder gar angeboten.
     Von Heinrich Hönig weist Hofmeister ab 1877 einige Kompositionen nach: Stücke für Orgel, Harmonium, Violine mit Klavier, vor allem Kompositionen für Männerchor: natürlich Lieder, aber auch eine Deutsche Messe (für Männerchor!). Als Musiklehrer hat Hönig oberhalb der Reblage „Rieschen“ über dem Meersburger Schloß in dem Gebäude gearbeitet, in dem sich heute das Droste-Hülshoff-Gymnasium befindet; erste Belegung des Gebäudes (1735 – 1825): ein Priesterseminar; zweite Belegung (1825-1925): das genannte Lehrerseminar, übrigens ein katholisches.
     Wie üblich sind in dem Büchlein auch Kompositionen des Herausgebers abgedruckt, diesmal nur zwei, Hönig war also bescheiden. Am interessantesten aber sind, wie meist, die handschriftlichen Einträge, die im vorliegenden Buch, wie der Besitzvermerk von alter Hand mit Tinte auf dem Vorsatz ausweist, von einem L. Grüner stammen, evtl. ein Seminarist.
Am Schluß sind, wie bei Liederbüchern oft, leere Notenblätter eingebunden. Die darauf geschriebenen Lieder kennt man, das Heideröslein natürlich, das Kartoffellied, selbst den Abendchor aus Conradin Kreutzers Oper Das Nachtlager von Granada. Doch eines dieser Lieder kennt man nicht, nicht den zweistimmigen Satz, nicht den Text, und man findet auch nirgends etwas darüber. Setze ich die drei Strophen also hierher:


                                                 Weihnachtslied

                                                 Leise zittern durch die Luft
                                                 süße Harfenklänge,
                                                 zittern über Berg und Kluft
                                                 holder (!) Engelsänge. <evtl.: holder Engel Sänge>
                                                 Schlummre Kind in sanfter Ruh,
                                                 schlummre bis zum Morgen,
                                                 deine Mutter deckt dich zu,
                                                 bannt noch die Sorgen.
                                                 Schlummre süß, schlummre sanft.

                                                 Leise naht der Hirten Schar,
                                                 betend dort sie knieen,
                                                 da uns Kind so wunderbar
                                                 Himmelsklänge ziehen.
                                                 Schlummre ...

                                                 Leise, leise nah'n auch wir
                                                 mit des Herzens Gabe,
                                                 singen uns're Lieder dir
                                                 holder Gottesknabe.
                                                 Schlummre ...


Vielleicht von Hönig komponiert, womöglich auch gedichtet, und für die Seminaristen an die Tafel geschrieben?
     Wer zu diesem Lied Angaben machen kann, melde sich bitte unter Kontakt.






































In der Musikhistorischen Sammlung Jehle liegt ein dünnes Einzelblatt, beidseitig bedruckt mit einer Komposition für Klavier und Gesang, betitelt Balsam für Schicksalsverwundete. Gedichtet von Carl Stukart. Musik von Sk_le. Nicht nur der Komponist ist unbekannt, sondern auch der Dichter, und das Gedicht ist im Internet nirgendwo zu finden.
     Ein Carl Stuckart trat 1792 als Laienbruder ins Kapuzinerkloster Mainz ein, Mainz wurde von den Franzosen erobert, er irrte umher, bis er ins Kapuzinerkloster Frankfurt aufgenommen wurde, das Kloster wurde 1803 säkularisiert, er irrte weiter, schließlich kam er im Kapuzinerkloster Aschaffenburg unter. Das weiß man nur deshalb, weil er von der Stadt Frankfurt eine höhere jährliche Pension forderte (Protokolle der deutschen Bundesversammlung. Zwölfter Band. Erstes Heft. Gedruckt in der Bundes-Präsidial-Buchdruckerei und im Verlag der Andreäschen Buchhandlung in Frankfurt am Main 1821, S. 139f.) Aber ob er es war, der das Gedicht geschrieben hat? Da dieses Gedicht offenbar sonst nirgendwo bekannt ist, setze ich es komplett hierher:

                                       Was zitterst Sterblicher in deinem Leiden?
                                       Was bebest du, wenn Missgeschick dich drückt?
                                       Was härmest du dich, wenn dir statt Lebensfreuden
                                       der weisen Vorsicht Hand nur Unglück schickt?
                                      
                                       Was trübst du dich, wenn dich die Feinde necken,
                                       und auch der beste Freund wird treulos dir,
                                       noch <doch?> fasse Muth, und dieser wird dich decken,
                                       Muth sei dein Schild, Muth ist des Helden Zier.

                                       Was trauerst du, wenn früh der Tod entrissen
                                       das Einzige, was dir stets theuer war,
                                       schau himmelan, denk "Ohne Gottes Wissen,
                                       fällt ja von meinem Haupt kein einzig Haar."

                                       Stets wandle muthig durch die Dorngewinde,
                                       auf deiner kurzen Pilgerlebensbahn,
                                       und wanke nicht im düstern Labyrinthe,
                                       lass Stürme tob'n, Gott lenket deinen Kahn.

                                       Sei ruhig, wenn an deinem Lebenshimmel
                                       des Glückes Stern verschwind't in Wolken-Nacht,
                                       fass' höher'n Muth, blick auf im Erdgetümmel
                                       zu deinem Gott, der treu dein Wohl bewacht.

                                       Such deinen Freund, o Edler nicht hienieden,
                                       hier im Thale der Vergänglichkeit,
                                       dort oben ist ein Gönner dir beschieden,
                                       dort im Lande der Unsterblichkeit.

                                       Er zählt die Thränen, die dein Auge weint,
                                       und tröstet dich mit ew'ger Vater-Huld,
                                       was dir der Tod entriss, wird dort verein<e>t;
                                       so harre denn mit männlicher Geduld.

                                       Und dulde, bis dein Lebensfaden endet,
                                       und dir dein Genius sanft lächelnd winkt
                                       nach jenen Höh'n, wo Schmerz und Freud' sich wendet,
                                       dein Geist verklärt sich auf zu deinen Geistern schwingt.

Der Druck zeigt ja wohl lithographierte Noten, ich schätze auf 1850 oder früher.
     Wer weiß etwas über den Dichter? Wer kennt den Komponisten?




Am 12. März 1952 schrieb Wolfgang Hildesheimer seinen Eltern zu einer Passage einer offenbar den Eltern geschickten Entstehungsstufe des Romans Paradies der falschen Vögel, die Meditation über die Liebe bräuchte er nicht an so vielen klassischen Beispielen erläutern, er werde diesen Gedanken in eigene Formulierungen kleiden, zudem habe er bei Bettine von Arnim eine ähnliche Stelle über das Spiel des Zufalls in Romeo und Julia entdeckt. 
     Der Roman erschien 1953 bei Desch, ohne den Hinweis auf Bettine von Arnim. Frühe Textfassungen von Paradies der falschen Vögel sind (bis auf ein paar Vorabdrucke und Rundfunksendungen) nicht erhalten geblieben, was die Suche nach der entsprechenden Text- oder Briefstelle bei Bettine von Arnim natürlich erschwert.
     Trotzdem: kennt jemand eine in Frage kommende Textstelle bei Bettine von Arnim?




Nach Erscheinen meiner Edition von Wolfgang Hildesheimers Briefen an seine Eltern (Suhrkamp 2016) meldete sich ein fränkischer Kunstlehrer und Maler, er habe 1953-1957 an der Münchner Akademie Kunst studiert und in Münxchen-Gern in der Waisenhausstraße 33 gewohnt, Vermieter: Frau und Herr Bernhard, die parterre eine Bäckerei betrieben. Sein Zimmerchen sei von einem Badezimmer mit einer Preßwand abgetrennt gewesen, gerade groß genug für Bett, Tisch und Schrank. Den Rest der Wohnung habe ein Herr Hildesheimer bewohnt, alleine. Es sei also nahezu ausgeschlossen, daß es der Hildesheimer gewesen sei. Gegen Ende seiner Münchner Studienzeit habe dieser Herr Hildesheimer ihm allerdings etwa 100 maschinenschriftliche Durchschlag-Seiten eines Romans zu lesen gegeben, Querformat, grüne Durchschlagtype, mit der Frage, was er davon halte. Inhalt: ein junger Mann hat von einer märchen- und zauberhaften Stadt in der Wüste gehört und bemüht sich, dorthin zu kommen, verbindet die Reise mit dem Verlauf seines eigenen Lebens, zahlreiche Hindernisse stellen sich in den Weg, auffallend sei die Ungeduld des Reisenden gewesen, und sein Wunsch, das Ziel endlich zu erreichen. Der Maler fand die Sache nicht besonders toll, zudem stand er kurz vor dem Examen, jedenfalls hat er die 100 Seiten mit eher verhaltenem Kommentar zurückgegeben.
     Ein Ort in der Wüste paßt, und daß die Verleger Hildesheimer nach Erscheinen des Romans Paradies der falschen Vögel (1953) einen zweiten Roman vorgeschlagen haben, ist wahrscheinlich, Romane verkaufen sich gut. Tatsächlich finden sich in den Briefen an die Eltern ab Mitte der 1950er Jahre Spuren eines Romanprojekts. Am 8. 10. 1954: „Mich beschäftigt der Gedanke an einen episodisch aufgebauten Roman sehr, aber vielleicht schreibe ich auch ein Theaterstück.“ Am 22. 9. 1955 im Hinblick auf eine Reise zu den Eltern nach Haifa: „Ich hoffe, wenn ich bei Euch bin, mich schon wieder mit einem Roman beschäftigen zu können.“ Am 28. 12. 1957: „wenn ich wieder einen  r o m a n  habe – und ich trage mich ja mit dem gedanken, dieses jahr einen anzufangen – gehe ich damit zu suhrkamp, wo ich hingehöre.“
     Das erste bekannte Romanprojekt nach Paradies der falschen Vögel ist Hamlet, und darauf bezieht sich, was Hildesheimer am 28. 12. 1958 mitteilt: „Im nächsten Jahr möchte ich wieder einen Roman schreiben: fiktiv-autobiographisch und retrospektiv [Hamlet], sprachlich etwa so wie die Köche-geschichte [Der Brei auf unserem Herd], die beste Prosa, die ich je geschrieben habe, (und dazu mein glänzendster literarischer Erfolg.)“, am gleichen Tag an seine Schwester: „ich halte es für möglich, dass ich meinen geplanten Roman [Hamlet] garnicht schreiben könnte, wenn ich mich nicht in diese Möglichkeit der Prosa [Übersetzung von Djuna Barnes: Nightwood (1959)] eingelebt hätte. Ich habe mich auch lange gefragt, warum gerade Hamlet“ – Hamlet in der Wüste, das kommt im Prosa-Stück Vergebliche Aufzeichnungen (1962) vor, und u. a. mit Hamlet ist Hildesheimer ja dann tatsächlich zu Suhrkamp gegangen.
     Die Geschichte dieses wohl verschollenen Roman-Manuskripts, entstanden spätestens 1957, noch vor dem Umzug nach Poschiavo, verworfen bzw. auf eine andere Ebene gehoben nach der Übersetzung von Nightwood, reißt jedenfalls ein Panorama von Vermutungen auf – eine bisher unbekannte Münchner Adresse, eine Wohnung zu ungestörtem Schreiben? Oder gar ein zweiter Schriftsteller Hildesheimer in München zu dieser Zeit ...? 
     Kann jemand Angaben machen? 




Das Neue Liederbuch für deutsche Mädchen (Mügeln, Verlag von H. Kunde) ist frühestens 1844 erschienen und läßt sich online weltweit nirgends nachweisen. Das darin enthaltene Gedicht Nummer 46 ist das einzige, dass sich ebenfalls online weltweit nirgends nachweisen läßt. Deshalb wird es hier ins Netz gestellt – vielleicht kann ja jemand Angaben dazu machen:

                                  Gute Nacht, mein Herzenslieb!
                                  Ist der Himmel auch so trüb‘,
                                  Daß mein Aug‘ kein Sternlein schaut,
                                  Strahlt Dein Blick mir doch so traut,
                                  Mädchen in der Unschuld Pracht
                                         Gute Nacht!

                                  Schlafe wohl mein Tausendschön,
                                  Rauhe Winde schaurig weh’n;
                                  Aber linder Frühlingstag
                                  Kündet Deines Herzens Schlag.
                                  Mädchen, holder Anmuth voll,
                                         Schlafe wohl!

                                  Schlumm’re süß, mein Engelskind,
                                  Regen schwer aus Wolken rinnt,
                                  Doch Dein Liebeshimmel beut
                                  Frieden mir und Seligkeit!
                                  Mädchen, Du mein Paradies,
                                         Schlumm’re süß!




An dieser Stelle wird immer wieder ein aktueller Text veröffentlicht. Diemal Volker Jehles Festrede anläßlich von 40 Jahre Musikhistorische Sammlung Jehle im Stauffenberg-Schloss, zugleich Eröffnung seiner Sonderausstellung Geschichte der Musikhistorische Sammlung Jehle, Albstaft-Lautlingen, 5. November 2017 



Um anzuknüpfen: vor 4 Jahren haben wir die Sonderausstellung Liederbücher ab 1800 eröffnet, vor 2 Jahren die Sonderausstellung Kirchengesangbücher aus fünf Jahrhunderten, beide am 2. Advent. Beim zweitenmal habe ich gesagt, das sehe verdächtig nach Serie aus, kon­sequenterweise sollten wir also in zwei Jahren, am 2. Advent 2017, die nächste Sonder­ausstellung eröffnen, Thema vielleicht Musikschulen und Lehrbücher. An ein Jubiläum 40 Jahre Musikhistorische Sammlung Jehle im Stauffenberg-Schloß  hat damals eben keiner gedacht.

Eigentlich wollte ich diese Rede mit dem ersten Instrument beginnen, das der Sammler und Museumsgründer Martin Friedrich Jehle, mein Vater, nicht für das Musikhaus gekauft hat, sondern als Sammlungsgegenstand. Aber dann ist mir eingefallen, daß sein Großvater am musikalischen Teil des Württembergischen Gesangbuchs 1912 beteiligt war, man möchte sagen: maßgeblich beteiligt, aber dem hätte er widersprochen. Es gibt ja eine feine Bescheidenheit, die schon ins Gebiet der Selbstgefälligkeit fällt. Jedenfalls hat er – mein Ur­großvater Stadtpfarrer Friedrich Martin Jehle – alle Kirchenlieder einer textlichen und musikalischen Revision unterzogen, um die teils Jahrhunderte alten „Fehler“ rückgängig zu machen. Wozu er vor allem alte Choral- und Gesangbücher heranzog, auslieh, erwarb oder geschenkt bekam, kurzum: er wurde nicht nur Pietistengeneral genannt, sondern galt als der deutsche Hymnologe. Noch jahrelang nach Erscheinen des Gesangbuches publizierte er wissenschaftliche Artikel über Kirchenlieder und Liederdichter. Als 1983 Martin Rößler – die gleiche Funktion bei der Entstehung des Würt­tembergischen Gesangbuchs 1996 – zu uns zum Taufgespräch kam (wir wohnten in Bronnweiler, wo Rößler eine nicht ohne Be­dacht überschaubare Gemeinde versah), setzte er sich erst an den Flügel und spielte den ersten Satz von Beethovens kleiner Pathetique, dann fragte er, ob unser Sohn ein Nach­komme sei und war zufrieden.

Friedrich Martin Jehle dichtete und komponierte auch selbst, einige seiner Lieder wur­den in Gesang- und Liederbücher aufgenommen. Ein gewichtiger Teil seines Nachlasses gehört zu den Beständen der Musikhistorischen Sammlung Jehle – eine solche Choralbuch-Sammlung könnte man heute nur noch mit immens viel Geld zusammenbringen, einige Ausgaben sind teuer als viele der Musikinstrumente. Aber natürlich: was 1912 über 120 Jahre alt war, stammte aus dem 18. Jahrhundert. Finden wir heutzutage etwas aus dem Jahr 1900, halten wir das schließlich auch nicht für spektakulär.

A propos immense Kosten. Da hat mir vor einem Jahr ungefähr, bei einer Veranstaltung im Maschenmuseum, ein Mann erzählt, in einem Dorf hier in der Gegend – ich könnte den Namen nennen – habe man vor wenigen Jahren das Pfarrhaus geräumt, Container vors Haus, Bibliothek „entsorgt“, lauter Bücher vor 1800, sogar vor 1700, viele mit Noten drin – ich stelle mir lieber gar nicht erst vor, was da aus Dummheit vernichtet wurde. A propos Müll: eines unserer ältesten und teuersten Choralbücher – Johann Georg Christian Störls [...] Neu-bezogenes Davidisches Harpfen- und Psalter-Spiel, 1744 – haben wir doppelt. Die Doublette brachte uns vor zwei, nein: drei Jahrzehnten ein Mann: das habe er auf dem Schutt gefunden; bei uns sei‘s wohl an einem besseren Platz.

Friedrich Martin Jehle war übrigens Stadtpfarrer in Ebingen, 1885-1897, er hat dem Jungmännerverein zum Hospiz verholfen, hat Anteil am Entstehen des Sorgenkindes Rotunde auf dem Ebinger Friedhof, hat das Buch Stimmen des Trostes am Grab eines Kindes herausgegeben, lauter Briefe deutscher Theologen an den Ebinger Lehrer Stengel nach dem Scharlachtod von dessen 4½-jähriger Tochter im Jahr 1854. Die Ebinger Abschiedspredigt hielt er am 3. Oktober 1897 – auch ein naheliegendes Jubiläum, ziemlich genau 120 Jahre. Seine nächste und letzte Stelle war dann an der Friedenskirche Stuttgart.

Zu diesem Gründervater wäre noch viel zu sagen. Wenden wir uns aber seinem Sohn zu, meinem Großvater, Johannes Jehle, ebenfalls ein Gründervater: Orgelbauer, Kauf­mann, Musikalienhändler, Musikverleger, Chorleiter, Erforscher des gregorianischen Cho­rals, Komponist, Organist. 1907 kam er aus Augsburg, wo er Geschäftsführer der Harmo­niumfabrik Kaim war, nach Ebingen und gründete das Musikhaus Johannes Jehle, und zwar in der Marktstraße, etwa da, wo heute der Treppenaufgang ins Ebinger Rathaus führt. Wann genau er den Laden eröffnet hat, ist nicht völlig sicher, auf das Titelschildchen seines „Verkaufsbuch No. 1“ notierte er: „angefangen am 27. Oktober 1907“, die zweite der drei identischen Annoncen zur Geschäfts-Eröffnung erschien im Neuen Alb-Boten just am 5. November – auch so ein Jubiläum: 110 Jahre Gründung des Musikhaus Jehle. Auf alten Ebinger Postkarten kann man seinen Laden sehen, d. h. zwei Läden, denn er mietete nach einiger Zeit das direkt danebenliegende Geschäft dazu, der Laden lief offenbar nicht schlecht. Den Musikverlag brachte er wohl schon aus Augsburg mit und firmierte nun Musikverlag Johannes Jehle Ebingen/Württ. Orgeln hat er, soweit bekannt, keine gebaut, aber er hat die Orgel des Tübinger Stifts zur Winderzeugung an die Wasserleitung an­geschlossen. Und im Zuge seiner Forschungen über den gregorianischen Choral war er Brieffreund von Otto Riethmüller, Alfred Stier und einigen Beuroner Mönchen. Und er hat zahlreiche Stücke komponiert und veröffentlicht. Zum zweiten Jehle-Nachlaß in der Musikhistorischen Sammlung gehören also nicht nur die Ausgaben seines Verlages – in den Unibibliotheken bekommt man derlei, wenn überhaupt, als Rarum nur unter Aufsicht in den Sonderlesesaal – , sondern seine Kompositionen als Autograph, außerdem Autogra­phen der von ihm verlegten Komponisten, deren Kompositionen er für den Druck im Ver­lag eingerichtet hat, kurzum: das Verlagsarchiv. Zudem zahlreiche von ihm durchgearbei­tete Bücher, auch hier wieder Choral- und Gesangbücher, und auch ihm wurde manches zugetragen; im Buch Martin Luthers geistliche Lieder mit den zu seinen Lebzeiten gebräuchlichen Singweisen, 1856, findet man seinen Eintrag: „Von Bäckermeister Ochs 1919“.

Ganz abgesehen von Briefen und Postkarten. Das Kapitel wuchs und wächst, Jahr um Jahr und umfaßt heute über 1050 Briefe, neue Gattung: Email.

Johannes Jehle trat auch als Pianist  auf. Und er sammelte die Programme der Konzerte, die er besucht hat, und natürlich erst recht die, an denen er beteiligt war, nicht anders als später mein Vater und heute meine Schwester und ich. Beispielsweise: „Musik-Verein Ebingen. Konzert am Sonntag den 5. Dezember 1909, abends 7 Uhr, im Postsaal unter Leitung des Herrn Musikdirektors Strecker und gütiger Mitwirkung von Frau Oberförster Schleicher, Herrn Konzertsänger Emil Krempel aus Stuttgart (Tenor) u. den Herren Bauer, Beck, Heidorn, Jehle u. Ziegler.“ Nach diesem Oberförster ist bekanntlich die Schleicher­hütte benannt.

Nach vielfältigen Wanderjahren, u. a. wohl einen Sommer lang Hotel- oder Barpianist in Bordeaux, hatte sich Johannes Jehle endlich etabliert, der Laden lief, seine Stiefschwester Frida half im Geschäft – doch in der Nacht auf den 8. Januar 1911 brach aus, was als Ebinger Marktstraßenbrand bekannt ist. Frida hat die Ladenkasse gerettet – Familien­legende. Im ersten Geschäftsbuch steht beim Harmonium Mod. 62 No. 260 der Vermerk: „verbrannt“.

Johannes Jehle kaufte das Haus 594 (später Untere Vorstadt 15, heute im Besitz des Eis­cafés Venezia daneben), während Frida vom gewieften Heiratspolitiker, Friedrich Martin Jehle, dem Missionar Ernst Witt als Ehefrau nach China geschickt wurde. Also dachte auch Johannes Jehle ans Heiraten. Die Hochzeit mit Bertha Schmidt aus Michelbach an der Lücke, Tochter des Waiblinger Rektors Leonhardt Schmidt, fand am 22. Januar 1913 an der Friedenskirche Stuttgart statt, Traupfarrer: Friedrich Martin Jehle, die Feier war dann in Waiblingen beim Brautvater – und fast genau aufs Jahr: am 3. Januar 1914 wurde das erste Kind geboren: Martin Friedrich, mein Vater.

Daß der Presse, wenn von meinem Urgroßvater und meinem Vater die Rede ist, stets eine gelinde Verwirrung anzumerken ist, liegt nahe: mein Urgroßvater heißt Friedrich Martin, mein Vater heißt Martin Friedrich – weshalb wir unseren Sohn schlicht Martin ge­tauft haben, sonst nix.

A propos Nachlaß: in der Musikhistorischen Sammlung Jehle stehen zwei Edison-Phonographen von 1907 – die Vorführgeräte im Musikhaus Jehle. In Pappzylindern steckt, was man später als Schellack, Lp, CD etc. verkaufte: die konservierte Musik, hier noch in Form von Wachs-Walzen, die man auf den Metallzylinder des Phonographen schob, wo sie abgetastet und mittels großer Trichter, wie man sie von Grammophonen kennt, hörbar ge­macht wurden. Johannes Jehle muß ein verspielter Mensch gewesen sein – seine Tochter Johanna meinte, er sei gewiß der einzige der Ebinger Honoratioren gewesen, der mit den Buben auf der Straße gekickt hat –, jedenfalls hat er sich den notwendigen Zu­behör verschafft, um nicht nur abspielen, sondern auch aufnehmen zu können. Da steht also eine Schachtel voller beschrifteter Wachswalzen, und außer Konzerten berühmter Komponisten gibt es noch anderes zu hören: Johannes Jehle spielt eigene Kompositionen auf dem Harmonium, Fräulein Marie Knobel, meine spätere Klavierlehrerin, singt Lieder – noch ehe sie Eugen Geiger geheiratet hatte, die beiden haben das Musikinstitut Geiger in der Ebinger Bogenstraße gegründet, und Martin Friedrich Jehle brüllt. Wer kann schon behaupten, er könne seinen vor über hundert Jahren geborenen Vater als Baby brüllen hören? Das heißt: genau genommen kann auch ich das nicht behaupten. Denn zum Glück habe ich mich zuerst informiert, was es mit den schwarzen Flecken auf den Wachswalzen auf sich hat: das ist ein Pilz, und Walzen mit diesem Pilz lassen sich noch ein einziges Mal abspielen, dann sind sie kaputt. Jetzt hoffe ich auf die Wissenschaft und ein Mittel gegen den Pilz oder auf die Weiterentwicklung der 3D-Drucker.

Eine Komposition von Johannes Jehle läßt sich trotzdem anhören, und zwar im In­ternet. Der Ulmer Organist Siegfried Gmeiner, der eine exzellente Website Schwäbische Ogrelromantik führt, hat an der Walcker-Orgel in St. Georg Ulm Johannes Jehles Choralvor­spiel Wie nach einer Wasserquelle von 1919 eingespielt.

Was bisher als Nachlaß kam und der Sammlung Fundament gab, war sozusagen Mate­rial, das sich beim Gang durch ein Leben sammelt, selbst die prächtigen Jahrgänge der Zeitschrift für Instrumentenbau, die Johannes Jehle ab 1906 abonniert hatte, deren Jahr­gänge er stets binden ließ, was man nach seinem frühen Tod 1935 bis ins zweite Kriegsjahr fortführte – heute füllt das einen großen Schrank. 

Daß Martin Friedrich Jehle 1932 aus Stuttgart, wo er bei Hardt zum Klavierbauer aus­gebildet worden war, zuletzt bei Schiedmayer in der Harmoniumfabrik gearbeitet und mit Leidenschaft am Konservatorium für Musik studiert hatte, also: daß er gerade 1932 wieder nach Ebingen kam, lag daran, daß sein Vater nach einem Schlaganfall im Jahr 1927 bereits sehr krank geworden war. 

Martin Friedrich Jehle kam also zurück nach Ebingen, ein Mann von 18 Jahren, der so­fort – wie bei Jehles üblich – mit allen Anwesenden verkracht war, es existiert sogar ein be­leidigtes Kündigungsschreiben an seinen Vater. Zum Klavierstimmen fuhr er in weitem Umkreis mit dem Fahrrad, gewiß auch ins Stauffenberg-Schloss, mit dem Fahrrad auch auf ausgedehnte Touren: ins Donautal sowieso, aber auch nach Köln, wo er auf der Hitler-Autobahn radelte und sich bei der Polizei in extra breitem Schwäbisch damit verteidigte, daß man so was bei ihm daheim halt nicht kenne; aber auch zu den Bayreuther Festspielen, ja, im Jahr 1934 bis nach Berlin. Und just in diesem Jahr, 1934, änderte sich hinsichtlich der Musikhistorischen Sammlung sozusagen die Qualität des Nachlasses, denn in diesem Jahr kaufte Martin Friedrich Jehle jenes eingangs erwähnte Instrument, das er nicht für das Musikhaus gekauft hat, sondern als Sammlungsgegenstand: ein Hammerklavier, um 1780 gebaut, und zwar höchstwahrscheinlich von Mozarts Klavierbauer Johann Andreas Stein in Augsburg, in den Unterlagen steht von der Hand meines Vaters: „gekauft 1934 bei Glaser in Jena“, also en passant bei einer Radtour, vermutlich gerade jener nach Berlin. Würde man mich nach dem Gründungsjahr der Musikhistorischen Sammlung Jehle fragen, würde ich 1934 angeben. 40 Jahre Musikhistorische Sammlung Jehle im Stauffenberg-Schloss in allen Ehren – was die Sammlung und nicht den Ort betrifft, feiern wir dieses Jahr das 83jährige Jubiläum. Wobei natürlich zu sagen ist, daß die Sammlung zuvor noch nie­mals so lange an einem Ort untergebracht war, und noch nie in einem so auserwählten Rahmen: sie hat eine wundervolle Heimat gefunden.

Und im gleichen Jahr, 1934, gewiß auf derselben Tour, traf er in Markneukirchen den Geigenbauer Herbert Moritz Mönnig. Schon zum 2. September dieses Jahres, 1934, begann Mönnig im Musikhaus Jehle in Ebingen zu arbeiten, wurde international bekannt, ein gefragter Gutachter edler Geigen, angefangen bei Stradivari und Amati. Nach der Übergabe des Musikhauses an meinen Bruder Peter 1976 ging Mönnig in den Ruhestand. Seine Werkstatt kann man heute in der Musikhistorischen Sammlung Jehle betrachten. Seltsam übrigens, als der alte Mönnig die Sache unterm Dach des Stauffenberg-Schlosses einmal an­sah, sich auf sein Dreibein setzte, das Käppi übern Kopf zog – da saß der betagte Herr, als sei auch er ein Museumsstück. Seine Instrumente werden heute recht teuer gehandelt, erst vor ein paar Tagen habe ich im Internet diverse Angebote entdeckt. In einem wird mit der Beschreibung geworben: „Beautiful German instrument; sounds as good as it looks! / Price: 3600.00 $“

Den Blechblasinstrumentenmacher Emil Bagus stellte mein Vater zum 1. September 1938 ein. Bagus baute aus Halbfabrikaten Blechblasinstrumente zusammen, ein Jehle-Verkaufskatalog von Ende der 1940er Jahre beweist: die komplette Palette. Diese Instru­mente zeigen alle – aufgelötet oder eingraviert – die Signatur „Musikhaus Johannes Jehle“. Momentan schreibt ein Johann Schiller, der an der Stuttgarter Musikschule Trompete un­terrichtet hat und nun in Schweden lebt, ein Verzeichnis aller Süddeutscher Blechblainstru­mentenmacher. Ihn konnten wir mit Daten und sogar Fotos versorgen, er nennt Bagus „Meister“ und sagt, die böhmischen Kerle in Kraslice hätten meist auch keinen Meistertitel gehabt und auch nichts anderes getan, als aus Halbfabrikaten Instrumente gebaut – wer baue schon eine Maschine!?

Davon, daß mein Vater im Zweiten Weltkrieg in Norwegen war, aber meist in der Garnison in Oslo, daß er in der Kaserne Cello spielte, wie Claus von Stauffenberg, habe ich bei anderer Gelegenheit schon erzählt: daß er vor allem historische Instrumente sammelte, einem Juristen sogar eine Amati abkaufte, die er Mitte der 1950er Jahre wieder verkaufen mußte, was er sonst noch gefunden hat, und was davon heute noch in der Musikhisto­rischen Sammlung Jehle liegt.

Nach dem Krieg übernahm er nicht nur das Musikhaus wieder und war Konzert­veranstalter, sondern gründete die Klavierfabrik, zunächst im Hinterhaus von Linder & Schmid in der Schmiechastraße, heute hinterm Ärztehaus, ab Mitte der 1950er Jahre in den beiden unteren Stockwerken der Fabrik von Hugo & Erwin Blickle der Riedstraße, ich meine, man sehe auf dem Putz neben der Haustür noch heute den Umriß seines Firmen­schilds, dabei hat er die Fabrik schon 1981 geschlossen. Er wurde Obermeister der Würt­tembergischen Klavierbauer, zuletzt Ehrenobermeister, auch Vorsitzender oder Vorstands­mitglied diverser Instrumentenbauergremien. Alle seine offiziellen Funktionen mag man in den einleitenden Essays meines Bestandsverzeichnisses der Musikhistorischen Sammlung Jehle nachlesen. Das Verzeichnis ist nicht gedruckt erschienen, sondern online, downzu­loaden von der Website der Sammlung innerhalb der Website der Stadt Albstadt. Diesen August, rechtzeitig zum Jubiläum, ist die 5. Auflage online gegangen, der Umfang beträgt nun 3747 Seiten. Aber no worries: man kann das gratis herunterladen und zuhause in Ruhe durchschauen.

Musikhaus, Flügel- und Klavierfabrik, Geigenbauer, Blechblasinstrumentenbauer, Musi­kalienhandlung – aus diesen Quellen, dem Material unter den Füßen, wurde natürlich die Musikhistorische Sammlung gespeist. Unsere umfangreichen Abteilungen zu Instrumenten­bau und Instrumentenbauern sind, glaube ich, ziemlich einzigartig. Aber auch ganz direkt: Wer ein Klavier kaufte und sein altes Klavier loswerden wollte, stieß auf wachsame Auf­merksamkeit. Gerichtet wurden die alten Instrumente dann „in der Fabrik“, wie es bei uns hieß. Und wenn einer die Raten für sein Jehle-Klavier nicht mehr aufbringen konnte, nahm mein Vater auch Naturalien an. So haben wir Originalbilder einiger nicht nur im Zollern­albkreis namhafter Maler, einmal hatten wir auch einen halben Zentner Honig, und was meine Mutter über das Hammerklavier unterm Christbaum ihrer ersten Weihnacht ihrer jungen Ehe in der ersten gemeinsamen Wohnung erzählt – ich habe ihre Texte über alte Musikinstrumente als Buch herausgegeben, es steht bei den Postkarten zum Verkauf – kurzum: ein Hammerklavier unterm Christbaum gehört auch zu meinen eigenen Erinne­rungen. Da hatten alle zusammengelegt.

Außerdem war mein Vater Musikhistoriker, naheliegendes Spezialgebiet: historische Musikinstrumente. Er hielt Vorträge in ganz Deutschland, von Schloß Mainau bis zur Kongreßhalle Berlin. Er schrieb das Buch 1000 Jahre Musik in Ebingen, das nicht gedruckt wurde, die Manuskripte liegen in der Sammlung. Gedruckt wurde sein Buch Württem­bergische Klavierbauer des 18. und 19. Jahrhunderts und sein kurzgefaßter Katalog der Musik­historischen Sammlung Jehle, der hier im Hause bis heute – natürlich in überarbeiteter Auflage – zum Kauf angeboten wird.

Am 3. November 1948, also vorgestern vor 69 Jahren, übernahm er den Chor der Friedenskirche Ebingen: jährliche Singfreizeiten – wie schon sein Vater mit dem Chor des Jungfrauenvereins, später auch mit dem Chor des CVjM. Manche erinnern sich gewiß noch an die Weihnachts- und Passionsmusiken des Chors der Friedenskirche, die Motetten in der Kapellkirche, auch die Konzerte mit Solisten und großem Orchester – natürlich wurde die Musikhistorische Sammlung auch aus dieser Quelle gespeist. In der Sammlung liegen alle Programmhefte der Veranstaltungen und der Singwochen, nicht zuletzt die Presse, auch ein Kasten mit Dias, die Karl Raible gemacht hat, und Spulentonbänder mit Gerhard Conzelmanns Konzertmitschritten.

Man sieht: der Jehle-Nachlaß in dritter Generation ist umfangreich und weitgefächert. Daß das ganze Material zu einer musikhistorischen Sammlung werden würde, war späte­stens nach dem Zweiten Weltkrieg klar. In der Festschrift Musikhaus Johs. Jehle Ebingen/ Württ. 1907-1947 gibt’s auch ein Kapitel mit Beispielen „aus unserer musikhistorischen Sammlung“, damals war die Amati noch dabei. Das Heft war übrigens eine von Hans Geißlers ersten Arbeiten für das Musikhaus Jehle, wo er zum 1. August 1947 angestellt worden war – auch ein Jubiläum: 70 Jahre seit Hans Geißlers erster Ebinger Anstellung.

Im Jahr darauf, 1948, stellte mein Vater die Sammlung erstmals öffentlich aus, ein paar Wochen eben, und zwar im Neuen Vereinshaus, also dort, wo sich heute das Kunst­museum Albstadt befindet. 

1963 kaufte er aus der Sammlung Klinckerfuß das Clavichord, das Spinett, den Lyra­flügel, zwei Tafelklaviere und das Konsolenpianino von Klinckerfuß. Denn im Jahr darauf, 1964, präsentierte er seine Sammlung erstmals dauerhaft öffentlich, und zwar im Rathaus Ebingen, oberster Stock. Die breiten Treppengeländer sind für Buben herrlich! Natürlich veranstaltete er zur Eröffnung eine Festwoche, 3. bis 6. Juni, Konzerte, Vortrag, Führung, und danach ein paar Jahre lang alljährliche Festtage. Ich erinnere mich an die schrillen Schreie der Mauersegler, die übers Rathausdach jagten. Ob er daran dachte, daß sozusagen unter ihm sein Vater das erste Musikgeschäft gehabt hatte?

1970 verkaufte er die Sammlung der Stadt Ebingen und war fortan ihr Kustos. Als der Platz im Rathaus anderweitig gebraucht wurde, hatte die Familie von Stauffenberg das Lautlinger Schloß bereits der Ortschaft Lautlingen verkauft, mit der Gründung von Alb­stadt 1975 kam alles in eine Hand. Und einer – ich meine: es war noch Oberbürgermeister Hans Hoss – sagte: warum stecken wir die Sammlung vom Jehle nicht ins Lautlinger Schloß? Was sein Nachfolger Hans Pfarr dann tatkräftig umsetzte. Wer darüber genaue Auskunft haben möchte, lese den gestrigen Jubiläumsartikel im Schwarzwälder Boten, der allerdings die heutige Veranstaltung ebenfalls auf gestern verlegte. Wir waren gestern bis nach 17 Uhr da – ist keiner gekommen, also niemand drauf reingefallen.

Bis das Schloß umgebaut war, und bis zuletzt die württembergischen Stukkateure ihr Meisterwerk vollendet hatten, wurde die Sammlung in einem Schuppen unterhalb des Ebinger Krankenhauses gelagert. Was nicht ohne Folgen blieb: die Orgel, die Johann Vic­tor Gruol 1842 in die Martinskirche Gechingen bei Calw gebaut hatte und die unter Denkmalschutz steht, hat seitdem Zahnprobleme, sprich: da fehlen Pfeifen, und von den Tasten ist nur noch die Hälfte da. Die Obdachlosen, die den Schuppen ebenfalls nutzten, haben sich mit den Pfeifen aufgespielt und mit den Tasten ihr Feuerchen angeheizt. Da nützt der beste Denkmalschutz nichts. Man sollte einen Orgelverein gründen, 100.000 Euro würde man wohl benötigen.

Im August 1977 zog die Sammlung ins Stauffenberg-Schloß um. Martin Friedrich Jehle erarbeitete eine dreiteilige Artikelserie im Zollern-Alb-Kurier Schloß Lautlingen und die Musik, also vor allem über die Hausmusik der Familie von Stauffenberg. Mitte Oktober, also ziemlich spät, flog er nach Hamburg, um bei Steinway den Flügel für den Saal auszuwählen. Und am 6. November 1977 war’s endlich soweit: Eröffnung der Musikhistorischen Samm­lung Jehle im Stauffenberg-Schloß – der Anlaß unseres Jubiläums. Beim Festakt sprach Baubürgermeister Norbert Czernoch, den Vortrag hielt Henry van der Meer, Leiter der Sammlung alter Musikinstrumente im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, anschlie­ßend machte Martin Jehle eine Führung, am Abend gab’s ein Konzert mit Alexander Bohnke. Der Text der Einladung klang damals ganz anders: „Die Stadt Albstadt gibt sich die Ehre, zur Eröffnung der neugestalteten Musikhistorischen Sammlung Jehle in das Stauffenberg’sche Schloß in Albstadt-Lautlingen freundlichst einzuladen“ – mit reprodu­zierter Unterschrift von Oberbürgermeister Hans Pfarr. Am 8. November folgte ein Kon­zert mit Werner Feyrer und Ulf Hoelscher, und am 10. November das Abschlußkonzert mit Tibor Varga.

Schloßkonzerte veranstaltete Martin Friedrich Jehle danach regelmäßig, jedes Jahr rund ein halbes Dutzend, das letzte im März 1982, ein halbes Jahr vor seinem Tod. Eine Selbst­verständlichkeit, damals, daß ganz Albstadt nach Lautlingen ins Schloßkonzert geht. – Und auch er machte schon eine Sonderausstellung: 200 Jahre Musik in Ebingen, 13.-22. November 1981 – immer dieser November!

Am 14. November 1982 – auch so ein naheliegendes Jubiläum, das 35. – starb Martin Friedrich Jehle. Da ich ihm seit 1977 in der Sammlung immer wieder geholfen hatte und gerade nach meinem Studium an fünferlei Städten wieder ins Land gekommen war, über­nahm ich sozusagen seine Stelle, aber nur stundenweise. Führungen, sagte ich damals, mache ich nicht, ich erarbeite ein Bestandsverzeichnis, aber endlich nach wissenschaftlichen Kriterien, die mein Vater, der Klavierbauer, nicht so streng gehandhabt hatte wie ich das als Literaturwissenschaftler inzwischen gewohnt war. Computer gab es damals noch nicht, die Sache mit den Karteikarten kam nur sehr mühsam voran, und als ich 1983 bei Walter Jens zu promovieren begann, war ich nicht unfroh, den Job aufgeben zu können.

Was mir leicht gemacht wurde, da meine Schwester, Ursula Eppler, schon im Herbst 1982, als mein Vater im Krankenhaus lag, die erste Führung ihres Lebens gemacht hatte – noch ein naheliegendes Jubiläum: 35 Jahre Ursula Eppler im Stauffenberg-Schloß, seit 10 Jahren Führungen auch durch die Stauffenberg-Gedenkstätte. Einen Chor leitet sie übri­gens ebenfalls. Und Sonderausstellungen hat sie ab Mozarts 200. Todestag 1991 eine ganze Reihe gemacht. Sie und ihr Museum im Koffer kann man en­gagieren: Kindergärten, Schu­len, Waldheim. Außerdem hat sie vor Jahren damit begonnen, ganz unspektakulär, d. h. ohne Vernissage oder dergleichen, aus eigenen Beständen kleine jährliche Sonderschauen zu Musikerjubiläen zu machen, was inzwischen ich, der Ausstellungsmacher, übernom­men habe, Thema dieses Jahr, ebenfalls naheliegend: 500 Jahre Reformation.

Die klaviertechnische Seite, die mit dem Tod meines Vaters ja nicht mehr versorgt war, übernahm der Mann meiner Schwester, Richard Eppler. Eintritt in die Klavierfabrik 1951, er hat den Aufbau der Sammlung sozusagen auf der technischen Seite mitverfolgen kön­nen; zuletzt, bis zur Schließung der Fabrik 1981, war er der Kapo.

Wenn man wollen würde, könnte man auch 10 Jahre Bestandsverzeichnis von Volker Jehle feiern, denn 2007 – nach der großen Renovierung des Schlosses und der Einrichtung der Stauffenberg-Gedenkstätte in den Räumen der ehemaligen Ortsverwaltung – habe ich die 1983 liegengelassene Arbeit wieder aufgenommen, diesmal mit Computer und Internet und, wie gesagt, diesmal bin ich fertig geworden, d. h. ständig mit Aktualisierungen be­schäftigt. Und Führungen mache ich nun natürlich doch.

Denn glauben Sie nicht, die Sammlung werde nun, in vierter Generation, nur noch ver­waltet und das Altbekannte eben hin und wieder thematisch sortiert vorgezeigt. In den früheren Jahren konnte Ursula Eppler, wenn am Jahresende vom Etat übrig war, etwas an­schaffen, was damals, lange vor Ebay, nur via gedruckten Antiquariatskatalogen geschehen konnte, und da erwischte sie tolle Sachen, beispielsweise ein Gesangbuch für Ost- und Westpreußen, Danzig 1915, oder einen Schwung extrem rarer Firmenkataloge, oder die Weihnachts-Cantilene von Mathias Claudius, in Musik gesetzt von Johann Friedrich Reichardt von 1786 mit gedruckter Widmung an Claudius.

Selbstverständlich kamen und kommen auch Instrumente hinzu. Ein paar der neuesten Beispiele: 2009 rief ein befreundeter Würzburger Klavierbauer bei meiner Schwester an, er habe in einer Spedition ein Klavier gesehen, wie er noch nie eines gesehen habe, wir sollten uns beeilen, sonst lande das Ding auf dem Schutt. Meine Schwester und ich fuhren also nach Würz­burg, und es war sofort klar, daß wir das Ding haben wollen: der Kasten über den Tasten, wo sonst der obere Teil der Saiten zu sehen ist, ist leer, die Stimmnägel, die sonst ganz oben im Kasten stecken, schauen unter den Tasten nach vorn heraus, was heißt: auch die Mechanik ist völlig anders. Gegen die Transportkosten haben wir‘s tatsächlich be­kommen und wissen inzwischen: um 1900 gebaut von Jakob Erbe in Eisenach, diese klei­nen Klaviere nennt man – in Analogie zu den kurzen Stutzflügeln – Stutzklavier. Unser Klavierbauer, Nachfolger von Richard Eppler, der alljährlich eine mehrtägige Runde stim­mend und reparierend durchs Haus dreht, Peter Zettel aus Balingen – hat das Klavier re­stauriert, der Lions Club hat die Kosten übernommen.

Oder Hartmut Burgmann, Klavierbauer – wie alle, die im süddeutschen Raum Rang und Namen haben, hat auch er bei Jehle Ebingen gearbeitet: begonnen 1954, Gesellenprüfung 1957, Meisterprüfung 1965, ab 1971 Lehrer für Klavierbau an der Oskar Walcker-Schule Ludwigsburg, von ganzer Seele Komponist, auch Musikverleger, wie Johannes Jehle. Von ihm hüten wir die wohl vollständigste Sammlung seiner Kompositionen ab den ersten Heften, die er noch meinem Vater gewidmet hat, dazu Briefe, Autographen, sogar seine technischen Zeichnungen: Cembalo, Klavier und Tangenten­klavier. Darüber, daß er im Chor der Friedenskirche mitzusingen hatte – wie Richard Eppler auch – spottet Burgmann heute: „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“ Aber der Chor hat eben auch einen Kom­positionsabend Burgmann veranstaltet, 1972, und mein Vater hat die ersten Kontakte zu Musikverlagen für Burgmann geknüpft. Kurzum: für Burgmann ist die Musikhistorische Sammlung Jehle wohl beinah so etwas wie eine zweite Heimat: außer von Johannes Jehle verwahren wir von keinem Komponisten sozusagen das Gesamtwerk. Burgmann kommt auch immer wieder, um seine Instrumente zu warten. Die hat er selbst gebaut und der Sammlung im Jahr 2012 geschenkt: Tangentenklavier, Quart-Spinett, das kleine Clavichord und das Missionarsharmonium, das einer seiner Brüder in Afrika entdeckt und ihm in ein paar Plastiktüten zum 50. Geburtstag geschenkt hat; dem hat er die fehlenden Pedale hin­zugebaut. Und als er uns 2013 seine Baßposaune schenkte, er nennt sie Elvira, weil er aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr spielen konnte, hat er uns sozusagen sein Leben anvertraut.

Oder: Vor zwei Jahren schickte ein Schweizer Entrümpler Museumsleiterin Susanne Goebel ein paar Fotos: merkwürdiges Tasteninstrument, sehr kleiner Tonumfang, zwei Treter wie ein Harmonium, steht auf zwei Beinen, die aus zwei Lyras an Scharnieren über­einander bestehen, durch die die Luft ins Gehäuse gelangt. Das ganze Ding steht in einem Kistchen, in dem es, die Lyrabeine zusammengeklappt, restlos verschwindet: Deckel drauf, weg. Kein Wunder war Susanne Goebel entzückt, wir waren’s ebenfalls. Also sind meine Schwester und ich nach Zürich gefahren, haben die teuersten  Hamburger unseres Lebens gegessen – 17 Franken, pro Stück! Schmackhafteres war wesentlich teurer –, haben die Adresse am Berg überm See gesucht und nur immer wieder ein Bruchstück der Straße ge­funden, lauter Sackgassen oder Einbahnstraßen in der falschen Richtung, alles steil, eng und voll, zum Haareraufen. Meine Schwester war bereit, die ganze Sache aufzugeben. Enerviert fragte ich einen  Passanten. Der wies den Berg hinunter und raunzte: „Muesch unne numme fahre!“ – Der Beweis, daß wir die Adresse zuletzt doch noch gefunden haben, steht oben, bei den Harmónien. Übrigens, meine Nachforschungen haben ergeben, es handelt sich um eine Physharmonika, Vorläufer des Harmoniums, gebaut um 1850, Clara Schumann hatte auf Reisen so ein Kistchen dabei.

Oder der Zuwachs, der meinen Vater gewiß besonders gefreut hätte, letzten Dezember von Klavier- und Cembalobaumeister Nobuyuki Shima, der das Stück entdeckt hatte, selbst ins Schloß gebracht. Shima hat natürlich ebenfalls bei Jehle Ebingen gearbeitet, außerdem hat auch er eine Tochter des Hauses geheiratet: die jüngste. Ein Hammerklavier von Jo­hann Gottfried Mahr jun., Wiesbaden 1789, also beinah so alt wie das Steinsche. Es steht oben gleich neben der Vitrine mit der Sonderausstellung Geschichte der Musikhistorischen Sammlung Jehle, für die meine Rede gleichzeitig als Eröffnung gilt und durch die nachher Ursula Eppler führen wird.

Für Urlaubs- oder sonstige Reisen stellt meine Frau immer eine Liste der Flohmärkte zusammen, die an der Strecke liegen. Ich kann mich drauf verlassen, daß ich, wenn ich wieder gehe, das beste Stück auch tatsächlich gefunden habe. Ebay ist ebenfalls nicht zu verachten. Von der Rarität der Extraklasse – weltweit letztes erhaltenes Exemplar der fünf­ten Auflage von Martin Bucers Gesangbuch, Straßburg 1566 – habe ich andernorts schon erzählt. Der Mann wußte nicht, was er anbietet. Bei Ebay geht’s eben zu, wie in der afrika­nischen Savanne: den Unerfahrenen beißen die Leoparden. Zu diesem Vortrag mitgebracht habe ich den allerneuesten Zuwachs, angeboten von einem Mann, der erst 24 Bewertungen hat. Für erfolgreiche Käufe und Verkäufe wird man bei Ebay bekanntlich bewertet, die Be­wertungen sind öffentlich einsehbar, und wer erst 24 Bewertungen hat, ist ein erbärmlicher, aber beileibe kein erbarmungswürdiger Neuling. Also habe ich ihm erbarmungslos vor­geschlagen, ein Drittel seiner Forderung nachzulassen, was er getan hat. Ergattert zum Preis eines kleinen Abendessens zu zweit: Rituale sive Agenda, schweinsledern gebunden, durchgängig rot und schwarz gedruckt, zwischen lateinischen Kapiteln auch deutsche Ka­pitel – die herrliche alte Sprache: statt „Kenntnis“ „Kanndtnuß“ –, erschienen in Würzburg im Jahr 1671.    

Ich lasse das Buch auf dem Pult liegen, wer will, kann nachher hineinschauen, das Schweinsleder ist nach offenbar eifrigem Gebrauch sowieso fingerschwarz, eine rare Gelegenheit zur Einsichtnahme, denn demnächst wird das Buch nur noch hinter Glas zu sehen sein.

So viel und so weit für heute. Sie sehen: wir stehen in der Geschichte mittendrin.